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ARTEJOURNAL 20. September 2010
Kaukasus: Interview mit Sophie Shihab
Zwei Jahre nach dem Kaukasuskrieg
ist die Situation in Georgien weiterhin angespannt. Wie und warum konnten die
Russen vollkommen ungestraft die georgischen Gebiete Abchasien und Südossetien
annektieren? Welches Schicksal erleiden die georgischen Flüchtlinge aus
Südossetien? Sind erneute Zusammenstöße mit der russischen Armee vorstellbar?
Warum macht die georgische Opposition gemeinsame Sache mit dem georgischen
Präsidenten Michail Saakaschwili, der doch so unbeliebt ist? Um Antworten auf
diese Fragen zu erhalten, hat sich ARTE Journal an Sophie Shihab gewandt,
Journalistin und Korrespondentin für den Kaukasus und Russland.
Claire Stephan für ARTE Journal: Sie waren während des
Kaukasuskonflikts 2008 in Georgien. Wie hat sich die Situation seitdem
entwickelt? Ist sie immer noch so angespannt?
Sophie Shihab, Journalistin für Russland
und den Kaukasus: „Die Situation ist in der Tat angespannt, denn
während des Krieges gab es Waffenstillstandsvereinbarungen zwischen Sarkozy
und Medwedew, die Russland überhaupt nicht eingehalten hat und immer noch
nicht einhält. Die Russen müssten ihre Truppen in den Zustand zurückversetzen,
in dem sie vor dem Einmarsch in Georgien waren. Aber stattdessen stationiert
Moskau Truppen in den Regionen Abchasien und Südossetien, die es mit diesem
Krieg faktisch annektiert hat.“
ARTE Journal: Eine Annexion, zu der die
internationale Gemeinschaft gesschwiegen hat.
Sophie Shihab: „Ja, ein
Stillschweigen, das umso erstaunlicher ist, als Russland das erste Mal – wie
die UdSSR es früher tat – benachbarte Gebiete besetzt. Und die Reaktion ist
jedesmal schwächer, je öfter Russland seine Bedingungen durchsetzt. Es hat die
Beobachter der UNO vertrieben, der OSZE und die Beobachter der EU, die den
Vereinbarungen zufolge die Normalisierung der Situation und vor allem die
Rückkehr der Flüchtlinge beobachten sollten. Georgien hat noch immer nicht das
Recht zu sehen, was auf der abchasischen und südossetischen Seite vor sich
geht, wo die Russen die Truppen des FSB, des Geheimdiensts, des ehemaligen
KGB, in Stellung haben, die niemanden hinüber lassen. Dort sind, glaube ich,
350 europäische Beobachter, die entlang der Grenze patrouillieren müssen, die
im Übrigen keine Grenze ist, da sich der Verlauf ständig ändert und die Russen
regelmäßig neue Stücke des georgischen Gebietes auf ihre Seite ziehen, was ein
erneutes Aufflammen von Gewalt, neue Zusammenstöße provozieren könnte.“
ARTE Journal: Hüten sich die westlichen
und vor allem europäischen Politiker davor, die Frage anzusprechen, um ihre
Handelsbeziehungen, zum Beispiel im Bereich der Energie, mit Russland nicht zu
gefährden?
Sophie Shihab: „Es gibt eine
ganze Reihe von Gründen. Russland ist reich, es hat Öl, es bestehen
Handelsbeziehungen. Das ist sicher der wesentliche Grund. Und man weiß, dass
Russland sich mit Gewalt durchsetzen kann, ohne dass es scharfe Reaktionen
gibt, daher ist es besser, nicht zu reagieren, wenn man weiterhin von seinem
Öl und anderen Vorkommen profitieren will.“
ARTE Journal: Die beiden Provinzen, die
wir angesprochen haben, Südossetien und Abchasien, sind Teil der kulturellen
Identität Georgiens. Kann man sagen, dass Georgien mit dem Verlust dieser
Gebiete auch einen Teil seiner Seele verloren hat?
Sophie Shihab: „Das stimmt,
aber das betrifft den gesamten Kaukasus, den Norden und den Süden, in dem die
unterschiedlichsten Bevölkerungen gemeinsam und integriert lebten. Das Problem
entstand im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Nationalismus. Mit dem Fall
der UdSSR wurde der wiederbelebt, und Moskau wusste das für sich zu nutzen. Es
ist ein schleichender Prozess, das heißt, mit dem Fall der UdSSR hatte Moskau
auf alle neuen Nationalismen gesetzt, die in den ehemaligen sowjetischen
Grenzen entstanden und in Konflikt miteinander lagen, um nach und nach neue
Gebiete zu annektieren, wie in Georgien. Seit Anfang der 90er Jahre konnte
Russland – wobei es übrigens von georgischen Fehlern profitierte – sich in
diesen beiden Regionen immer mehr durchsetzen. Der Krieg, der im August 2008
begann, war letztendlich nur die Fortsetzung dieses schleichenden Prozesses.
Der Westen sah dabei nur, dass Georgien mit seinem als wildgeworden
präsentierten Präsidenten Saakaschwili Südossetien angegriffen hat.
Tatsächlich ist er in eine von Russland sorgfältig vorbereitete Falle getappt,
und Georgien hatte praktisch überhaupt keine Möglichkeit zu reagieren, wenn es
sich nicht ohne Protest überwältigen lassen wollte.“
ARTE Journal: Noch heute, 2 Jahre nach
dem russisch-georgischen Konflikt leben etwa 30 000 georgische Vertriebene aus
Südossetien in dörflichen Lagern in Georgien. Warum zögert die georgische
Regierung, diese Bürger in die Gesellschaft einzugliedern?
Sophie Shihab: „Zum Einen weil
es etwa 250 000 Flüchtlinge von dem Krieg von 1993 in Abchasien zu integrieren
gilt. Angesichts des Zustandes von Georgien in den 90er Jahren, war das nicht
leicht. Sicher ist es sehr schwierig, noch dazu 30 000 ossetische Flüchtlinge
einzugliedern. Und nach den mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy
getroffenen Vereinbarungen hätten sie auch nicht in den von den Gott sei Dank
von den Amerikanern gebauten Lagern unterkommen sollen, sondern in ihren
Heimatdörfern in Südossetien. Doch diese Heimatdörfer wurden mutwillig
abgebrannt und mit Bulldozern zerstört, um sicher zu sein, dass sie nie
wiederkommen. Aber es stimmt, dass die Situation für die Vertriebenen in
diesen Dörfern, in denen sie keine Arbeit mehr haben, in denen es sehr
schwierig ist für sie. Die Lage wird von der lokalen Opposition, von der UNO,
von allen Beobachtern und den Nichtregierungsorganisationen, die in Georgien
tätig sind, heftig kritisiert, während gleichzeitig niemand Zugang nach
Südossetien hat, wodurch dieses zu einem schwarzen Loch wurde.“
ARTE Journal: Ist die Situation
innerhalb Georgiens weiterhin sehr instabil? Regelmäßig finden
Protestkundgebungen der Bevölkerung statt, weil die Verarmung immer mehr
zunimmt.
Sophie Shihab: "Unbedingt.
Außerdem wird protestiert, weil es zur Demokratie gehört. Eines der großen
Ziele Russlands ist es, Saakaschwili zu stürzen, um eine gefügige Regierung
einzusetzen. Und es stimmt, nach dem Krieg gab man im Westen nicht viel auf
die Fähigkeit dieser Regierung, an der Macht zu bleiben. Und man sieht, dass
zwei Jahre nach dem russischen Einmarsch viele Gegner von 2007 zwar nicht zu
Anhängern der Machthaber geworden sind, dass sie aber angesichts des
russischen Einmarsches nun Saakaschwili unterstützen, und die letzten
Kommunalwahlen im Frühjahr haben gezeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung
die Regierung noch unterstützt.“
ARTE Journal: In den Medien ist von
Georgien mitunter noch die Rede, aber überhaupt nicht mehr von Tschetschenien,
über das Sie für die Zeitung „Le Monde“ regelmäßig berichtet haben, ebenso
wenig über Inguschetien oder Dagestan. Dabei ist der gesamte Kaukasus eine
Konfliktregion, und niemand scheint noch darüber zu berichten. Journalisten,
die den Mut dazu hatten, wie Anna Politkowskaja und Natalia Estemirowa, wurden
getötet… Und diejenigen, die weiterhin über dieses Gebiet berichten wollen,
werden nicht unbedingt von ihren Regierungen unterstützt, um Russland nicht zu
verstimmen.
Sophie Shihab: „Es gibt zwei
Gründe: Es wird nicht darüber geredet, weil es weit weg ist, es kompliziert
ist und weil man Russland nicht als erniedrigt erscheinen lassen will. Und
auch weil der Zugang für Journalisten noch immer sehr, sehr von Zufällen
abhängig ist und sich die Situation verschärft. Fast täglich werden in
Dagestan Attentate verübt; die Situation entspricht einem Aufstand, und es
wird schlimmer.“
ARTE Journal: Der Tschetschenienkrieg
hat den gesamten Kaukasus vergiftet. Die Entführungen, über die in
Tschetschenien immer wieder berichtet wurde, und der makabre Handel mit den
Geiseln haben sich auf Inguschetien ausgeweitet. Die den Islamisten
zugeschriebenen Attentate bestimmen den Alltag in Dagestan. Kann man sagen,
dass der gesamte Kaukasus eine tickende Zeitbombe ist?
Sophie Shihab: „Einige führende russische Politiker, darunter
Medwedew, haben gesagt, dass die Situation im Nordkaukasus das größte
innenpolitische Problem Russlands darstellt. Ich denke, das ist unstrittig.
Aber es herrscht eine solche Atmosphäre von Unterdrückung und Angst, dass es
sehr schwierig zu erkennen ist, was die Bevölkerung des Nordkaukasus wirklich
denkt und will. Vor allem weil die Rebellion eher islamistisch als
nationalistisch geworden ist. Und das zweifellos auch, weil der Westen sich
nicht für die Frage interessiert hat, im Gegensatz zu den Finanzgrößen der
Golfregion und anderen. Aber die Methoden, wie ungezielte Attentate, gefallen
der Bevölkerung im Kaukasus gar nicht. Umso erstaunlicher ist es, dass sie
weiterhin Unterstützung erhalten, trotz der enormen Risiken, denen sich die
aussetzen, die es noch wagen, etwas Sympathie für diese Rebellion zum Ausdruck
zu bringen.“
20.09.2010 ARTE Journal
***
Vom Kreml unterstützt - von Brüssel geschnitten
Vor zwei Jahren erkannte Russland formell die
Unabhängigkeit der Republik am Schwarzen Meer an, wirtschaftlich ist Abchasien
jedoch auf den Kreml angewiesen. Gut die Hälfte des jährlichen Staatsetats kommt
zur Zeit aus Moskau.
GAGRA. Nur 30 Kilometer Luftlinie liegen zwischen
den Badeorten Sotschi und Gagra – doch die gefühlte Distanz könnte kaum größer
sein. An der russischen Schwarzmeerküste zieht Sotschis Überangebot an Hotels
und Strandbars Touristen aus ganz Osteuropa an. Dagegen patrouilliert am Strand
von Gagra die russische Marine – durch Abchasiens Touristenzentrum frisst sich
Verfall.
Die Republik Abchasien gibt es seit genau zwei
Jahren. Nach dem Georgien-Krieg erkannte Moskau die Region und das weiter
nördlich gelegene Südossetien formell an und gliederte die Gebiete seinem
eigenen Machtbereich ein.
Moskau hat seither einiges getan, um den
Satellitenstaat zu stabilisieren. Baubrigaden aus Sotschi haben die
Strandpromenade der abchasischen Hauptstadt Suchumi hergerichtet, die einzige
Fernstraße wird aufwändig saniert, der Handel zwischen beiden Ländern steigt.
Und doch fehlt Russland eine Strategie, wie sich die verarmte Teilrepublik
eigenständig entwickeln kann. Mindestens eine Mrd. Dollar pumpt der Kreml pro
Jahr in das 200 000 Einwohner kleine Land – und bestreitet damit gut die Hälfte
des gesamten Staatsetats.
Export beschränkt sich auf Wein
„Wir sind Russland unwahrscheinlich dankbar für
die großartige Unterstützung“, schwärmt Wirtschaftsministerin Kristina Osgan.
Die 37-Jährige schrieb ihre Doktorarbeit im Fernstudium in Moskau, als sie
bereits Wirtschaftsministerin in Abchasien war. Aber auch sie weiß: „Wir können
nicht ewig am Rocksaum von Russland hängen und müssen lernen, auf eigenen Füßen
zu stehen.“ Oberste Priorität habe das Freihandelsabkommen mit Russland, dann
könnte Abchasien Agrarprodukte nach Russland exportieren.
Groß ist Abchasiens Warenpalette nicht. Eigentlich
gibt es nur zwei Unternehmen, die exportieren: eine Brauerei und die Weinfabrik
Suchumi. Chef-Winzer Valeri Avidzba, 76, dreht die Wählscheiben seines Telefons
und bestellt zwei Karaffen Wein, um seinen Gast zu verköstigen. In der Tat
genießt der Wein aus der Schwarzmeer-Region in Russland seit Sowjetzeiten einen
ausgezeichneten Ruf. Ohne Schwierigkeiten schaffte es Avidzba, den Export nach
Russland 2009 auf acht Mill. Flaschen zu erhöhen – praktisch von Null. Denn vor
dem Georgienkrieg hatte der Export brach gelegen, weil Moskau schon 2006 ein
Embargo auf georgische Weinimporte verhängt hatte. Die Sanktionen sollten die
Wirtschaft des heißblütigen georgischen Staatspräsidenten Michail Saakaschwili
treffen, aber sie stürzten vor allem Abchasien in Existenznot, das außer Wein
nichts zu exportieren hat.
Nun, da der Handel mit Russland so einfach ist wie
nie zuvor, will auch die Brauerei der Stadt exportieren. Amra Anua, eine
ehrgeizige Geschäftsfrau, investiert in neue Anlagen, um sich mit qualitativ
hochwertigen Bierprodukten am hart umkämpften russischen Markt durchsetzen zu
können. Obwohl es am nötigen Kapital nicht fehlt, ist es nicht leicht,
Lieferanten zu finden.
Brüssel blockiert Lieferungen
„Im Brauereiwesen sitzen die besten Anlagenbauer in der EU“,
erzählt sie, „und das ist für uns ein großes Problem.“ Als sie Anlagen aus
Ungarn über Russland importierte, musste der Lieferant den
EU-Ausfuhrkontrolleuren erklären, weshalb er nicht über Georgien nach Abchasien
liefere. Nach europäischer Lesart ist Abchasien ein Teil von Georgien, obwohl
die Grenze seit der einseitigen Unabhängigkeitserklärung 1992 für den Handel
geschlossen ist. Wegen solcher Nachfragen springen die Lieferanten ab. An einen
Export in Märkte außerhalb Russlands ist sowieso nicht zu denken.
26.08.2010 Handelsblatt
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Stillstand zwischen Russland und Georgien
DW-WORLD.DE: Es war das zehnte Gespräch zwischen
Georgien und Russland, bemüht sich die georgische Regierung, den Konflikt mit
Moskau zu lösen?
Iris Kempe: Die Beziehungen zwischen dem
georgischen Präsidenten Saakaschwili und dem russischen Premier Putin sind
extrem schlecht und es gibt keine diplomatischen Beziehungen. Um so
schwieriger ist es, den Konflikt zu lösen, da man nur sehr begrenzte
Kommunikationswege hat. Es gibt nur eine sehr schwach entwickelte so genannte
Second-Track-Diplomacy, eine Diplomatie, die über dieses offizielle Niveau
hinausgeht. Das ist eine der Schwierigkeiten.
Die EU hatte im Dezember 2008 eine unabhängige
internationale Kommission unter Leitung der Schweizer Diplomatin Heidi
Tagliavini beauftragt, die Ursachen und den Verlauf des Georgien-Konflikts zu
untersuchen. Gibt es in Georgien Reaktionen auf den Bericht der
Tagliavini-Kommission? Ist das überhaupt noch ein Thema?
Es ist kein Thema mehr. Man muss dazu sagen, der
Bericht lag nur auf Englisch vor, was für meisten Georgier nicht zu verstehen
war. Wir von der Heinrich-Böll-Stiftung haben zumindest das zusammenfassende
Kapitel auf Georgisch übersetzt. Aber die georgische Regierung war darum
bemüht, dass dies kein größeres öffentliches Thema wird, weil die Frage, wer
den ersten Schuss abgegeben hat, doch zu riskant erschien.
Einige georgische Oppositionelle haben den
Rücktritt von Saakaschwili gefordert - dann würden sich die Beziehungen zu
Moskau bessern und Georgien könnte die verlorenen Gebiete vielleicht
zurückgewinnen. Was meinen Sie dazu?
Ich halte bei aller Kritik, die man an jeder
Regierung immer wieder üben muss, einen vorzeitigen Rücktritt des Präsidenten
nicht für zielführend, weil die Opposition genau so schwach ist wie der
Präsident. Es gibt keine gut entwickelten Programme der Opposition. Es geht um
einzelne Personen, die sich in der Regel darauf konzentrieren, der Präsident
solle zurücktreten.
Durch die großen Proteste der Opposition im
April 2009 konnte sich Saakaschwili eher profilieren, indem er sich
zurückgehalten hatte. Auch da wurde immer gefordert, der Präsident solle
zurücktreten. Ob man so die Beziehungen zu Russland und die Abchasien-Frage
regeln kann, ist fraglich. Ganz stark überspitzt: Wenn der Preis wäre,
Georgien würde wieder Teil der russischen Einflusssphäre, dann wäre das sozial
und politisch nicht tragbar.
Könnte die EU die Rolle des Vermittlers zwischen
Georgien und Russland einnehmen?
Die EU hat große Potentiale. Das Problem ist,
dass sie diese nicht nutzt. Die Russland-Politik der EU ist eher schwach, es
gibt oft keinen Konsens zwischen den Mitgliedstaaten. Auch die Angebote, die
die EU den sogenannten Nachbarsstaaten macht, sind für diese, so auch für
Georgien, nicht richtig attraktiv. Dennoch ist die EU ein Partner, der von
russischer als auch georgischer Seite angesehen wird. Die EU hat die größte
Beobachtermission in Georgien, die allerdings keinen Zugang zu Abchasien und
Südossetien hat. Es liegt sowohl an der EU als auch an der Fähigkeit
Georgiens, die Potentiale der EU zu erkennen.
Das Gespräch führte Viacheslav Yurin.
Die Gespräche zwischen Georgien und Russland
sollen am 08. Juni fortgesetzt werden. EU, UNO und OSZE leiten die
Gesprächsrunden. Neben Vertretern aus Moskau und Tiflis nehmen an den Treffen
in Genf auch Abgesandte der von Georgien abtrünnigen Regionen Südossetien und
Abchasien daran teil. Russland hat diese als unabhängige Staaten anerkannt.
Redaktion: Markian Ostaptschuk / Nicole
Scherschun
31.03.2010 DW
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Behörden: Präsidentenwahl in Abchasien gültig
Erste Ergebnisse für Sonntag erwartet - Bagapsch
hofft trotz dreier Gegenkandidaten auf Wiederwahl
Suchumi - Ungeachtet der Proteste Georgiens
ist in der abtrünnigen Region Abchasien am Samstag eine "Präsidentwahl"
abgehalten worden. An der ersten Wahl seit der Anerkennung der Unabhängigkeit
Abchasiens durch Russland nach dem Krieg im August 2008 gegen Georgien
beteiligten sich nach Angaben der Behörden etwa zwei Drittel der 130.000
registrierten Wähler. Die Wahl ist damit laut der russischen Agentur RIA Novosti
gültig, da die Mindestgrenze der Wahlbeteiligung in Abchasien 50 Prozent plus
eine Stimme beträgt. Erste Ergebnisse wurden am Sonntag erwartet.
Vor den Wahllokalen bildeten sich lange Schlangen
mit Hunderten Menschen. Jeder Wähler bekam dann einen Stempel in den Pass, um zu
verhindern, dass jemand mehrere Stimmen abgibt. Um die Stimmen der Abchasier
bewarben sich Amtsinhaber Sergej Bagapsch und vier Herausforderer. Beobachter in
Suchumi erwarteten, dass kein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht. In diesem
Fall würde eine Stichwahl erforderlich. Die rund 40.000 in Abchasien lebenden
Georgier durften nicht an der Wahl teilnehmen, da sie keine abchasischen Pässe
haben.
Die georgische Regierung verurteilte die Wahl am
Samstag als eine von Russland inszenierte Farce und "Provokation". Neben
Russland haben nur Nicaragua und Venezuela die Unabhängigkeit von Abchasien
anerkannt.
Transparente Wahl
Geöffnet hatten laut RIA 174 Wahllokale. Bisher
seien keine groben Verstöße gegen das Wahlgesetz festgestellt worden.
Der österreichische Journalist und Publizist
Werner Pirker sagte, dass die Wahl transparent "wie in anderen Ländern" sei. Er
habe keine Verstöße registriert. Er denke auch nicht, dass die territoriale
Integrität Georgiens nach der Abspaltung Abchasiens und Südossetiens verletzt
worden sei. Denn die beiden Regionen hätten als Teile der Georgischen SSR und
nicht der gegenwärtigen Republik Georgien gegolten, sagte der Publizist.
"Auf ewig verbunden"
An den Straßen Abchasiens prangen große Bilder,
auf denen Bagapsch an der Seite des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew zu
sehen ist. "Abchasien und Russland - auf ewig verbunden", lautete das Motto. Die
Nutzungsrechte an der abchasischen Eisenbahn sind im Tausch gegen
Reparaturarbeiten für zehn Jahre an Russland abgetreten. Im vergangenen Jahr
kamen rund 1,5 Millionen Touristen nach Abchasien, das direkt an Russland
angrenzend an der Südseite des Kaukasus liegt und dessen malerische Landschaften
vom Schwarzen Meer gesäumt werden.
Russland unterhält in den beiden abtrünnigen
georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien Militärstützpunkte. Die
georgische Regierung betrachtet den Abfall Abchasiens und Südossetiens, der auf
den Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre folgte, als
völkerrechtswidrig. Der Konflikt zwischen Georgien und Russland eskalierte im
August 2008 und mündete in den Fünf-Tage-Krieg vor allem um die Vorherrschaft in
Südossetien. Der Versuch Georgiens zur Zurückdrängung des russischen Einflusses
scheiterte dabei. (APA)
12.12.2009 derStandard.at
***
Auf Briefmarken kleben bleiben
Johannes Voswinkel, Suchum
- Im Westen von Georgien lebt das Volk der Abchasen. Es schickt sich an, einen
Staat zu gründen – aber kaum jemand will ihn anerkennen
Ein neuer Staat braucht eine ganze Menge Symbole
seiner Eigenständigkeit. Abchasien hat sich bereits eine Palette zugelegt: eine
Fahne mit grün-weißen Streifen und einer offenen weißen Hand auf rotem
Hintergrund, eine Nationalhymne und Autonummernschilder. Dem Staat steht ein
Präsident vor, der am kommenden Samstag neu gewählt wird. Grenztruppen
kontrollieren die Einreisenden aus Russland am Fluss Psou. Zwar wirkt die
Staatsgrenze noch immer wie ein provisorischer Eigenbau aus Metallpfosten,
Stacheldraht und Betonplatten. Das Spruchband »Willkommen in Abchasien« spannt
sich vor einer früheren Scheune, und ein streunender Hund aalt sich auf dem
Gehweg. Aber es ist nicht mehr die Kulisse eines Operettenstaates. Die Menschen
halten abchasische Pässe in den Händen. Jetzt fehlt dem Land vor allem eines:
weltweite Anerkennung.
Die Weltöffentlichkeit hat Abchasien im Sommer
2008 kennengelernt, während des russisch-georgischen Kriegs: Abchasien ist neben
Südossetien der zweite georgische Landesteil, der sich mit russischer Hilfe für
unabhängig erklärt hat. Außer der Regierung in Moskau haben bisher nur Nicaragua
und Venezuela die abchasische Souveränität anerkannt. So bleiben Abchasien
einige Insignien der staatlichen Souveränität bis heute verwehrt. Es bekommt
keine eigene Ländertelefonvorwahl und ist über die russische Nummer anzuwählen.
Wer im zentralen Postamt der Hauptstadt Suchumi nach Briefmarken sucht, findet
in der hinteren Ecke des dunkel getäfelten Saals nur einen Angestellten, der
traurig seinen Kopf auf den Arm stützt. Briefmarken? Ja, die gebe es schon, aber
nur im ersten Stock im Büro von Schenja. Schenja, stellt sich heraus, macht
gerade Mittagspause. Da ergänzt der Postbeamte zum Trost, die Briefmarken würden
sowieso in keinem anderen Land anerkannt. Noch nicht mal in Russland.
Was heißt das: ein Staat zu sein, von dem die Welt
nichts wissen will?
Zwei Jahrzehnte schon, seit dem Zerfall der
Sowjetunion, kämpfen die Abchasen um ihre Unabhängigkeit. 1993 haben sie die
georgischen Milizen auf ihrem Territorium geschlagen. Die Abchasen standen
Kriegsgräuel, Wirtschaftsblockaden, Jahre ohne Strom und fließendes Wasser
durch, um den eigenen Staat zu ertrotzen. Aber das zählte nicht, zumindest nicht
für die anderen; von allen Seiten schallte es den Abchasen entgegen, dass sie
dazu kein Recht hätten. »Der Westen konfrontiert uns mit der Forderung nach
Georgiens territorialer Einheit und verlangt von uns, wir sollten von Russland
abrücken«, sagt der Parlamentsabgeordnete Batal Kobachija und klingt bitter.
»Na, guten Tag! Die Russen haben uns doch gerade gerettet.«
Verkommt Abchasien zu einer Urlaubsprovinz der
Russen?
Doch die Schutzpatrone der abchasischen Sicherheit
drohen das neue Land nun in ihrer Umarmung zu erdrücken. Die Flucht vor Georgien
führt, so scheint es, in die Abhängigkeit von Russland. »Haben wir dafür
gekämpft?«, fragen Kriegsveteranen, die als Verband mit mehr als 1500 Mann und
mancher Waffe im Kleiderschrank ein innenpolitischer Machtfaktor sind. Verkommt
Abchasien, das einst die Warmbadewanne der Sowjetunion war, erneut zur
Urlaubsprovinz eines russischen Reiches?
Das befürchten zumindest die Gegner des
abchasischen De-facto-Präsidenten Sergej Bagapsch. Der frühere
Komsomolfunktionär regiert mit politischem Instinkt und dem Hang zum Jasagen
gegenüber Russland; für seine Wiederwahl wirbt er mit einem Foto von Wladimir
Putin. Die Zeit hat Bagapsch pragmatisch werden lassen. Vor fünf Jahren noch
setzte Moskau auf seinen damaligen Gegenkandidaten, heute vertritt Bagapsch oft
russische Positionen. Vielleicht bleibt ihm nichts anderes übrig. Denn die
Abhängigkeit von Russland ist offensichtlich: Mehr als zwei Drittel des
Außenhandels entfallen auf Russland, und Abchasiens Regierung sah sich
gezwungen, Steuergesetze und Wirtschaftsnormen weitgehend anzugleichen. Bezahlt
wird in Rubel. Moskau finanziert den abchasischen Staatshaushalt zu gut 60
Prozent. Am neuen Pier des Jachtklubs von Suchumi legten kürzlich erstmals
wieder reiche Russen aus Sotschi an. Russische Großinvestoren greifen nach dem
Flughafen von Suchumi, und Mittelständler kaufen Wohnungen und Strandvillen auf.
Inal Chaschig, Chefredakteur der oppositionell
gestimmten Zeitung Tschegemskaja Prawda, kritisiert vor allem den
Vertrag über die gemeinsame Grenzsicherung mit Russland. Auf Grenzwache in
freier Flur stünden allein die russischen Soldaten, beklagt er. Der Grenzbereich
unterliege dabei sogar russischem Recht. Wie aber kann ein Staat souverän sein,
der seine eigenen Grenzen nicht sichern kann? Für die russischen
Militärstützpunkte bekomme Abchasien nicht einmal einen Pachtzins.
Aber auch Chaschig kann nicht umhin, Russland für
den Schutz Abchasiens zu danken. Keiner der führenden Politiker, von Bagapsch
bis zu den Oppositionskandidaten wie dem Unternehmer Beslan Butba und dem
Exvizepräsidenten Raul Chadschimba, ist antirussisch eingestellt; russische
Marionetten, als die sie die georgische Propaganda gern darstellt, sind sie
deshalb längst nicht. Der Unterschied ihrer Positionen liegt in der Intensität
ihrer Skepsis gegenüber Russland. Im normalen Gespräch mag niemand von ihnen
deutlich werden. Erst anonym sagt es ein Intellektueller deutlich: »Die
russische Macht ist unmenschlich. Russland hat noch immer ein imperiales Denken,
und wir sind eine Art Überseekolonie.«
Die Angst vor der Assimilation hat das kleine Volk
der Abchasen seit Jahrhunderten zwischen den Großmächten des
Völkerflickenteppichs Kaukasus lavieren lassen. Heute sind weniger als die
Hälfte der 230000 Einwohner Abchasen. Georgier, Armenier und Russen bilden
starke Minderheiten. Die Abchasen bekämpften Russland im 19. Jahrhundert als
Kolonialherren. Seit der Eingliederung Abchasiens in die georgische Republik
1931 unter Stalin trat der Überlebenskampf gegen die »Georgisierung« an. Erst
Präsident Wladimir Putin lockerte Russlands Grenzregime und machte den Abchasen
ein verlockendes Angebot: Renten aus Russland, russische Pässe, um reisen zu
können, und Touristen für die verlassenen Kurorte. Moskau verfolgte eigennützige
Interessen, da ein autonomes Abchasien einer Nato-Mitgliedschaft Georgiens
entgegenstand. Die Abchasen aber folgten dem Sprichwort: Ein Ertrinkender greift
nach der Schlange.
»Hier ist es nicht einfach, die Hirne der Menschen
einzupudern«
Ihr über Jahrhunderte gehärteter Widerstandsgeist
könnte sie auch vor der Umklammerung Russlands bewahren. Während Südossetien als
Staat kaum überlebensfähig wäre und langfristig eine Vereinigung mit dem
russischen Nordossetien anstreben dürfte, betonen die Abchasen umso
selbstgewisser ihre Eigenständigkeit, schließlich haben sie Bagapsch schon
einmal gegen den russischen Willen gewählt. »Hier ist es nicht so einfach, die
Hirne der Menschen einzupudern«, sagt die Journalistin Nadjeschda Wenediktowa.
Abchasien gilt als ungewöhnlich pluralistischer und demokratischer Flecken im
Kaukasus. Der Fürst war in der abchasischen Geschichte schon immer nur ein Teil
der Gesellschaft, dem jeder Bauer widersprechen durfte.
Ihre symbolische Mitte hat die Demokratie à la
Abchasien im Café Brechalowka, gelegen an der Strandpromenade von Suchumi. Unter
grünem Plexiglas hocken hier von morgens an Männer auf Plastikstühlen, spielen
Schach oder Backgammon und palavern, bis die Dunkelheit das Meer verschluckt.
Ljocha setzt hier seit zehn Jahren die Kännchen mit dem türkischen Kaffee in den
glühenden Sand. In seinem Büdchen stehen mehr als 40 persönliche Kaffeetässchen
aufgereiht: von Künstlern, Ministern und dem Präsidenten. Denn für Bagapsch ist
es eine Frage der Ehre, bei Ljocha von Zeit zu Zeit Kaffee zu trinken. Rundherum
sitzen dann keine ausgewählten Claqueure, sondern Gäste, die gern und ausgiebig
diskutieren. Als der russische Parlamentspräsident Boris Gryslow einst mit
seinen Gastgebern hier einkehrte, gestikulierten seine Leibwächter irritiert
angesichts der ungewohnten Volksnähe. Bis einer von ihnen seufzte: »So was gibt
es bei uns nicht.« Die Geschichte vom irritierten Gryslow erzählen sie sich gern
im Brechalowka.
Auch Abchasiens De-facto-Außenminister Sergej
Schamba ist für Überraschungen gut: 15 Minuten nach der Anfrage sitzt er schon
zum Interview bereit. Er hat nicht nur Zeit, sondern vor allem eine Botschaft:
Hört auf uns! Erfahrt, wer wir sind! »Wir orientieren uns nach Europa«, sagt
Schamba, »und wir haben die Mentalität eines zivilisierten europäischen Staates.
Bei uns ist die Opposition schon mal durch Wahlen an die Macht gekommen.« In
Georgien, vom Westen als »Leuchtturm der Demokratie« gepriesen, sei dies dagegen
noch nie der Fall gewesen.
Schamba, Historiker und promovierter Archäologe,
ist kein typischer Vertreter der politischen Klasse Abchasiens. Ihm fehlt die
Sozialisierung als Komsomolze. Er hat die Welt im Blick behalten, als die
Abchasen durch die Grenzblockade in ihrem Land eingeschlossen waren, und mehr
gesehen als Georgien, Abchasien und Russland. Ein in Plastik gegossenes Stück
der Berliner Mauer hält er hoch und sagt: »Deutschland hat sich vereinigt.
Grenzen ändern sich. Man kann nicht sagen, dass Georgiens Staatsgebiet immer
gleich bleibt. Aber wenn man uns nicht nach Europa lässt, fahren wir eben nach
Russland.« Oder nach Lateinamerika, wohin Schamba eine Delegation auf Werbetour
geschickt hat. Er ist stolz auf seine Schar an jungen Mitarbeiter. Ein halbes
Stockwerk nimmt das Außenministerium im Regierungsgebäude ein. Auf dem Flur geht
es zu wie in einer Jugendherberge: Melodischer Rap tönt aus einem Arbeitszimmer,
Lachen und laute Stimmen sind zu hören. Schamba lächelt gelassen, als wolle er
sagen: Die Zeit arbeitet für Abchasien.
12.12.2009 ZEIT ONLINE
***
Abchasien wählt neuen Präsidenten
Die von Georgien abtrünnige Region Abchasien hat
erstmals nach dem Südkaukasuskrieg im August 2008 einen neuen Präsidenten
gewählt. Mit der Abstimmung will die Schwarzmeerregion ihre unter anderem von
Russland anerkannte Unabhängigkeit untermauern.
Die Wahlleitung
sprach Samstag von einer regen Beteiligung. Amtsinhaber Sergej Bagapsch (60)
zeigte sich siegessicher. Abchasien wähle nicht nur einen Führer, sondern auch
den künftigen Kurs des Landes als „souveräne Republik“, sagte Bagapsch nach
Angaben der Agentur Interfax. Erste Ergebnisse wurden für Sonntag erwartet.
Georgien, das in
dem fünftägigen Krieg mit Russland die Kontrolle über Abchasien verloren hatte,
nannte die Abstimmung eine Provokation und erklärte sie für ungültig. Die
Führung in Tiflis erhebt weiter Anspruch auf Abchasien sowie die ebenfalls
abtrünnige Region Südossetien. In Abchasien war ein Großaufgebot an
Sicherheitskräften im Einsatz, um Störungen der Wahl zu verhindern.
Russland hat als
Schutzmacht tausende Soldaten in Abchasien stationiert. Nach Berichten
georgischer Medien sollen die Militärangehörigen Wähler zur Abstimmung getrieben
haben. Die abchasische Führung in Suchumi wies diese Vorwürfe zurück.
Insgesamt konnten
die etwa 130 000 Berechtigten in Abchasien zwischen fünf Kandidaten wählen. Nach
Einschätzung von Beobachtern war nicht sicher, ob Bagapsch die Wahl im ersten
Durhcgang gewinnen kann. Seine Kontrahenten konnten vor allem die Kritik an den
sozialen Missständen sowie an der unterentwickelten Wirtschaft für sich in
Zustimmung ummünzen.
Gute Aussichten hat
laut Umfragen auch der frühere KGB-Geheimdienstler und Ex-Vizepräsident Raul
Chadschimba (51). Er unterlag bei der Wahl 2004 trotz Unterstützung des
damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Neben Russland haben auch Venezuela und
Nicaragua die Unabhängigkeit Abchasiens anerkannt. Dagegen sehen die EU und die
USA die abtrünnigen Gebiete weiter als Teile Georgiens. Im Unterschied zu
Südossetien strebt Abchasien keinen Anschluss an Russland an.
12.12.2009 FOCUS ONLINE
***
Georgiens abtrünnige Republik wählt neuen
Präsidenten
Theoretisch hat Abchasien alles, was es zum
internationalen Ferienparadies qualifizieren könnte. Doch die Lage in der
abtrünnigen Republik Georgiens ist gespannt – das wird durch die Wahl eines
neuen Präsidenten nicht besser.
- Zu den am heutigen Samstag
stattfindenden Präsidentenwahlen in Abchasien schickt Russland nur Beobachter
– aus guten Gründen. Während bei Wahlen in den Ex-Sowjetrepubliken und anderen
international anerkannten Staaten, Parlamentarier anrücken, überwacht in
Abchasien lediglich die Öffentliche Kammer – eine rein moralische
Kontrollinstanz ohne reale Befugnisse - Urnengang und Stimmauszählung. Denn
Tiflis wirft Moskau, das Georgiens abtrünnige Autonomien - Abchasien und
Südossetien – schon vor dem Krieg im August 2008 unterstützte und den Einwohnern
im Schnellwaschgang die russische Staatsbürgerschaft verpasste, die faktische
Annexion von Teilen seine Hoheitsgebietes vor. Der Westen sieht das ähnlich,
Nato und EU setzten ihre Zusammenarbeit mit Russland daher zeitweilig aus.
Um den mühevoll ausgehandelten Neustart der
Beziehungen nicht zu gefährden, hält Moskau sich mit provokanter Demonstration
seiner Macht in der Region derzeit zurück. Mehr noch: Präsident Dmitri Medwedew
bot Georgien trotz Fortbestehen politischer Differenzen dieser Tage sogar die
Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen an: Wiederaufnahme des direkten
Flugverkehrs, Öffnung des russischen Binnenmarktes für georgische Erzeugnisse
und gegenseitiger Verzicht auf Visa.
Das Nein aus Tiflis hatte Medwedew dabei
wohl einkalkuliert. Denn es befeuert die Unzufriedenheit der Georgier mit
Staatschef Michail Saakaschwili und damit russische Hoffnungen auf ein
vorzeitiges Ende von dessen Amtszeit. Auch hat der Wahlausgang keine
Konsequenzen für Moskaus Machtmonopol in Abchasien. Amtsinhaber Sergej Bagapsch
und dessen vier Herausforderer lehnen Saakaschwilis Drei-Stufen-Plan zur
Wiederherstellung der staatlichen Einheit Georgiens, der Abchasien wie
Südossetien ein Höchstmaß an Autonomie zugesteht, ab und stehen in Treue fest zu
Moskau. Zumal die kriegszerstörten Kurorte am Schwarzen Meer und die nach
Sotschi führende Bahnlinie mit russischer Hilfe und russischen Kapital
wiederaufgebaut wurden und Moskau auch den Haushalt der Separatisten großzügig
bezuschusst. Deren politischem Spielraum setzen auch mehrere Militärabkommen –
9000 russische Soldaten sind in der Region stationiert – enge Grenzen. Elke
Windisch
12.12.2009 tagesschau.de
***
Ein stolzes Signal der Unabhängigkeit
Palmenstrände, Mandarinenbäume, aber auch
Kriegsruinen prägen das Bild Abchasiens, dem von Georgien abtrünnigen Gebiet am
Schwarzen Meer. Dort wird heute ein neuer Präsident gewählt. Aber egal, wer
gewinnt, eines steht fest: Die Abchasen halten sich weiter an Russland, von
deren finanzieller und militärischer Unterstützung sie profitieren.
Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau
Fünf Kandidaten treten an. Doch nur zwei haben
aktuellen Umfragen zufolge gute Chancen im Kampf um das Präsidentenamt: Der
amtierende Präsident, Sergej Bagapsch und der frühere Premierminister und
derzeitige Oppositionsführer, Raul Chadschimba.
Wer auch immer das Rennen machen sollte, an zwei
Dingen werde sich nichts ändern, betonte Herausforderer Chadschimba jüngst in
einem Interview mit dem russischen Radiosender "Echo Moskwy": An der
Unabhängigkeit Abchasiens und an der außenpolitischen Ausrichtung. "Derjenige,
der die Wahl gewinnt, wird die Zusammenarbeit mit Russland und der russischen
Führung fortsetzen."
Eine Unabhängigkeit von Russlands Gnaden
Russland hat den Landstrich am Schwarzen Meer, der
nur halb so groß wie Schleswig-Holstein ist, nicht nur während der kriegerischen
Auseinandersetzungen mit Georgien unterstützt. Auch heute ist die
international nicht anerkannte Republik von Hilfen aus Russland abhängig. Daraus
macht Wirtschaftsministerin Christina Osgan keinen Hehl: "Die abchasischen
Rentner bekommen seit 2003 russische Renten. Jeden Monat werden für diesen Zweck
rund 100 Millionen Rubel aus Russland überwiesen. Jedes Jahr bekommen wir
außerdem eine finanzielle Unterstützung in Höhe von zwei Milliarden Rubel."
Letzteres sind umgerechnet mehr als 44 Millionen Euro.
Palmenstrände und Mandarinen
Abchasien hat seit Beginn der 90er Jahre unter
ständig neu aufflammenden Kämpfen mit Georgien gelitten. Die Folgen des Krieges,
Sanktionen von Seiten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) haben die
Wirtschaft des einst blühenden sowjetischen Urlaubsparadieses nachhaltig
geschädigt.
Das Gebiet ist aufgrund des subtropischen Klimas
und seiner Lage zwischen den Bergen des Kaukasus und dem Schwarzen Meer
attraktiv. Neben dem Tourismus gilt der Agrarsektor als Schlüsselbranche.
Angebaut werden Tabak, Tee, Wein und Obst.
Seit dem Ende des
August-Krieges im vergangenen Jahr gehe es langsam, aber sicher bergauf,
sagt Wirtschaftsministerin Osgan. Die
Anerkennung der Unabhängigkeit durch Russland, Nicaragua und Venezuela
bringe dem Land die lang vermisste Stabilität und Sicherheit zurück. Die
Abchasen trauen sich wieder zu investieren und die Touristen, mehrheitlich
Russen, hier Urlaub zu machen: "Mehr als 200 Kilometer Küste am Schwarzen Meer
sind eine wichtige Ressource, die man effektiv nutzen muss. Abchasien ist
außerdem ein recht alter Staat mit einer reichen Geschichte. Es gibt viele
historische Denkmäler, die für Touristen interessant und anziehend sind."
Offen für den Westen
In die Infrastruktur wird derzeit viel Geld
gesteckt. Auch hier spielen russische Investitionen eine große Rolle.
Grundsätzlich, betont Präsident Bagapsch, sei das Land aber offen für alle, auch
für den Westen: "Wir sagen ihnen ja nicht einmal, ihr müsst uns erst anerkennen.
Wir wissen, dass das nicht so schnell passieren wird. Wir sind bereit,
Wirtschaftsabkommen zu unterschreiben und gemeinsame Projekte zu entwickeln."
Auch zu den Wahlen seien westliche
Beobachter willkommen. Mit Kritik, sollte es welche geben, könne man umgehen,
betont die Regierung Abchasiens. Nur solle niemand erwarten, dass das Land
irgendwann einmal wieder Teil Georgiens werde. Abchasien sei und bleibe
unabhängig.
12.12.2009 tagesschau.de
***
Abstimmung zwischen Trümmern
Von Paul Flückiger,
Präsidentenwahl in Abchasien - 2008 erkämpfte Putin die Unabhängigkeit der
Abchasen von Georgien, doch nun kehren die Georgier zurück
Gali - Der
Fahrer flucht und tritt abrupt auf das Bremspedal. Schlaglöcher machen die Fahrt
auf der E 97 östlich der abchasischen Hauptstadt Suchumi zur Qual. Zur
russischen Grenze hin wird die Küstenstraße gerade neu geteert, je weiter es in
entgegengesetzter Richtung, nach Georgien, geht, desto schlechter wird die
Infrastruktur. Zerstörte Kombinate, ausgebrannte Schulen und bis auf die nackten
Wände geplünderte Wohnhäuser säumen die Straße. Das Handynetz funktioniert
selten, die Dörfer sind entvölkert, Häuser zerfallen.
Wie Hohn klingt im Osten von Suchumi die
Volkssage, wonach Gott die trinkenden und tanzenden Abchasen bei der
Landverteilung zuerst vergessen, ihnen dann aber das beste Stück überlassen
habe. Die Grenzprovinz Gali - oder Gal, wie die Abchasen sagen - muss weitab vom
Paradies liegen. Und dennoch ist sie eine der brisantesten Gegenden in einem
heftig umkämpften Land. Im August 2008 marschierte Russland in Georgien ein, um
die Südosseten und Abchasen zu schützen. Die gehörten damals noch zu Georgien,
wollten aber schon lange einen eigenen Staat. Die Nato stand aufseiten
Georgiens, und mancher fürchtete in jenen Tagen einen neuen kalten oder gar
einen heißen Krieg. Die Abchasen stehen seitdem unter Russlands Schutz und mühen
sich um staatlichen Alltag. Am heutigen Samstag finden Präsidentschaftswahlen
statt. Doch paradoxerweise leben heute in Abchasien wieder mehr der einst
verhassten Georgier - gerade in Gali.
Vizedistriktchef Maan Vahtang Umarowitsch ist
einer von offiziell nur 116 Abchasen in der Provinz. Nach eigenen Angaben hat er
etwa 40 000 Georgier unter seiner Obhut. Vom Zentralstaat werde er "sehr"
unterstützt, versichert Umarowitsch eilig. Sein Jahresbudget habe sich seit 2006
auf umgerechnet 620 000 Euro verdreifacht. Ein Kindergarten sei gebaut und die
Schule renoviert worden; auch das Kulturhaus habe man wieder eröffnet. Beim
Verlassen des schlichten Amtszimmers fallen die langen Schlangen ärmlich
angezogener Bittsteller im Treppenhaus auf, das Verwaltungsgebäude ist fast das
einzige intakte Gebäude hier.
Zehntausende von Georgiern haben die Region
während des Bürgerkrieges 1992 bis 1993 verlassen. Seitdem ist die Rückkehr der
Flüchtlinge nach Abchasien für Georgien und die internationale Gemeinschaft eine
Bewährungsprobe. Die um internationale Anerkennung buhlende Regierung in Suchumi
rühmt sich deshalb ihrer angeblich 70 000 Rückkehrer. Im abchasischen Wahlkampf
ist das Thema aber tabu.
Raul Chatschimba, der wichtigste Herausforderer
des amtierenden Präsidenten Sergej Bagapsch, hat sich auf dem Rücken der
georgischen Flüchtlinge politisches Profil verschafft. Im Parlament verhinderte
seine Fraktion im Juli die erleichterte Abgabe von abchasischen Pässen an die
Rückkehrer. Mit seinem nationalistischen Wahlkampf hat der langjährige
Stellvertreter Bagapschs viele Bürgerkriegsveteranen hinter sich gebracht. Als
dritter aussichtsreicher Kandidat gilt der Geschäftsmann Beslan Butba, der die
weitverbreitete Korruption anprangert. Er gilt als Außenseiter, alles spricht
für ein knappes Rennen zwischen dem Amtsinhaber und Chatschimba. Doch in Gali
könnte der Korruptionsbekämpfer Butba gut ankommen. Denn die meisten Rückkehrer
leben unter erbärmlichen Bedingungen. Shota Berandze etwa hauste 15 Jahre in
einem Kuhstall, bevor er aus Mitteln der schweizerischen Entwicklungsagentur ein
neues Dach bekam. Der heute 72-jährige Bauer hatte in der letzten Novembernacht
1993 eilends seinen Traktor beladen und war mit sieben Familienmitgliedern über
den Grenzfluss Inguri nach Georgien entkommen. Damals war der Bürgerkrieg schon
seit zwei Monaten vorbei, Abchasien hatte sich nach eigener Lesart selbst
befreit. "In Gali war es die ganze Zeit über ruhig gewesen, wir hatten keine
ethnischen Probleme, gekämpft wurde im Westen", erinnert sich Berandze. Doch als
er fünf Monate später das erste Mal in seinen Weiler zurückkam, fand er sein
Haus geplündert und niedergebrannt; viele Nachbarn waren tot. So gut es ging,
richtete er sich im einstigen Kuhstall ein, später siedelte auch seine Frau um.
Heute ist Berandze Witwer. "Dies ist mein Haus, hier will ich sterben", sagt er
und zeigt auf die Ruine seines stattlichen Wohnhauses. Ein schmiedeeisernes
Treppengeländer endet im Nichts, hinter einer zerzausten Palme gackern Hühner.
"Viele Flüchtlinge pendeln zwischen Georgien und Abchasien und richten ihr Haus
Zimmer um Zimmer wieder her, bis eines Tages die ganze Familie übersiedeln
kann", erzählt Dejan Deletic, der für eine dänische Hilfsorganisation arbeitet.
Inzwischen seien so viele georgische Kinder zurückgekehrt, dass es nicht genug
Georgisch sprechende Lehrer gebe.
Shota Berandzes Kinder kamen nicht zurück. Seine
elf Enkelkinder hat der Rentner zuletzt vor drei Jahren gesehen. Er habe zwar
die nötigen Genehmigungen, doch die Reise sei zu teuer. "Ich kann ja den Kindern
nicht einmal Geschenke mitbringen", sagt Berandze.
Die wenigen Fabriken in Gali stehen still. Kahle
Betonmauern ragen am Stadteingang in den Himmel, Sträucher wuchern aus den
Ritzen. Russische Truppen haben ein paar Zelte aufgestellt. Bald sollen sie auch
die Grenze zu Georgien sichern. Die Flüchtlinge bangen um ihre Reisefreiheit.
Sie ist ihnen wichtiger als die Frage, wer Präsident wird. Denn dass irgendein
Kandidat Kurs auf Georgien nehmen würde, glaubt hier niemand.
Kaum dunkelt es, entvölkert sich Gali. Schwere Karossen mit
getönten Scheiben kurven durch die Stadt - viele haben russische oder gar keine
Nummernschilder. Erst im Sommer wurden bei einer Schießerei auf dem Markt vier
Männer getötet. Nachts sollen Gebrauchtwagen über den Inguri ihren Weg nach
Abchasien finden. Vor dem Krieg hätten hier alle mit offenen Fenstern
geschlafen, sagt der alte Shota Berandze. Heute fürchte er sich vor der Nacht.
12.12.2009 WELT ONLINE
***
Die Ruhe vor der Wahl
Mit einer
Präsidentenwahl wollen die Abchasen ihren Anspruch auf Unabhängigkeit von
Georgien bekräftigen. Russland unterstützt das, der Westen hält die Wahl für
unrechtmäßig.
Die mit Abstand schönsten Strände an der ehemals
sowjetischen Schwarzmeerküste, andere Naturschönheiten, Reste antiker Siedlungen
und ein mildes Klima, in dem sogar Zitrusfrüchte gedeihen: Theoretisch hat
Abchasien alles, was es zum internationalen Ferienparadies bräuchte. Praktisch
wagen sich bisher nur krisenfeste Russen, angelockt auch von den konkurrenzlos
billigen Preisen, an die Traumstrände südlich von Sotschi, wo 2014 die
Olympischen Winterspiele stattfinden. Denn nominell gehört die 8600
Quadratkilometer große Region mit knapp 320 000 Einwohnern nach wie vor zu
Georgien, von dem sich die Separatisten 1993 nach blutigen Kämpfen lossagten.
Zwar erkannte Moskau die Region gleich nach den
Kämpfen mit Georgien im August 2008 offiziell an, Nicaragua und Venezuela
folgten dem Beispiel. Der Westen indes unterstützt Georgiens Bemühungen zur
Wiederherstellung seiner staatlichen Einheit und erklärte daher auch die heute
stattfindende Präsidentenwahl für ungesetzlich. Zumal die Kriegsflüchtlinge
nicht stimmberechtigt sind: rund 200 000 Georgier, von denen die Mehrheit zu
Sowjetzeiten von Tiflis in die damalige Autonomie zwangsumgesiedelt und nach der
Unabhängigkeit von den Separatisten vertrieben wurde. Ganze 100000 konnten
bisher zurückkehren.
Russland schickt zwar Beobachter, hat jedoch gute
Gründe, sich dabei auf rein formale Präsenz zu beschränken. Während bei Wahlen
in den früheren Sowjetrepubliken und anderen international anerkannten Staaten
Parlamentarier anrücken, überwacht in Abchasien lediglich die Öffentliche Kammer
– eine rein moralische Kontrollinstanz ohne reale Befugnisse – Urnengang und
Stimmauszählung. Tiflis wirft Moskau die faktische Annexion von Teilen seines
Hoheitsgebietes vor, zumal Russland Georgiens abtrünnige Autonomiegebiete
Abchasien und Südossetien schon vor dem Augustkrieg unterstützte und den
Einwohnern im Schnellwaschgang die russische Staatsbürgerschaft verpasste. Der
Westen sieht das ähnlich.
Nato und EU setzten ihre Zusammenarbeit mit
Russland daher zeitweilig aus. Um den mühevoll ausgehandelten Neustart der
Beziehungen nicht zu gefährden, hält Moskau sich mit provokanter Demonstration
seiner Macht in der Region derzeit zurück. Mehr noch: Präsident Dmitri Medwedew
bot Georgien trotz Fortbestehens politischer Differenzen dieser Tage sogar die
Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen an: Wiederaufnahme des direkten
Flugverkehrs, Öffnung des russischen Binnenmarktes für georgische Erzeugnisse
und gegenseitiger Verzicht auf Visa. Das Nein aus Tiflis hatte der
Kremlherrscher dabei wohl einkalkuliert. Denn es befeuert die Unzufriedenheit
der Georgier mit Staatschef Michail Saakaschwili und damit auch russische
Hoffnungen auf ein vorzeitiges Ende von dessen Amtszeit.
Alle Kandidaten stehen in Treue fest zu Moskau
Auch hat der Ausgang der Wahl keine Konsequenzen
für Moskaus Machtmonopol in Abchasien: Amtsinhaber Sergej Bagapsch und seine
vier Herausforderer lehnen Saakaschwilis Drei-Stufen-Plan zur Wiederherstellung
der staatlichen Einheit Georgiens, der Abchasien wie Südossetien ein Höchstmaß
an Autonomie zugesteht, ab und stehen in Treue fest zu Moskau. Zumal die
Kriegszerstörten Kurorte am Schwarzen Meer und die nach Sotschi führende
Bahnlinie mit russischer Hilfe wiederaufgebaut wurden und Moskau auch den
Haushalt der Separatisten großzügig bezuschusst. Deren politischem Spielraum
setzen schließlich Abkommen über militärischen Beistand und die Stationierung
von bis zu 9000 russischen Soldaten enge Grenzen.
Anders als Südossetien, dessen Ziel die
Wiedervereinigung mit der russischen Teilrepublik Nordossetien ist, favorisiert
Abchasien ein reines Assoziierungsabkommen mit Moskau und will dessen Monopol
längerfristig auch durch Wirtschaftskontakte zu anderen Staaten der Region
aufweichen. Vor allem zur Türkei, wo eine starke, gut betuchte abchasische
Minderheit in den Startlöchern sitzt.
12.12.2009 Badische Zeitung
***
F.A.Z. Abchasien fürchtet einen Ausverkauf an
Russland
F.A.Z.: Viele in Abchasien hätten gerne einen
"Eisernen Vorhang" zwischen sich und Georgien, sind aber auf Zusammenarbeit mit
Georgien angewiesen und fürchten zugleich den Ausverkauf an Russland.
Fast alle führenden abchasischen Politiker wurden
es begrüßen, wenn an der Grenze zu Georgien ein "Eiserner Vorhang" entsteht.
Politiker behaupten, dass ihrem "Staat" nichts anderes übrig bleibe, als sich
gegen das feindliche Georgien wehrhaft abzuschotten - und in diesem Punkt sind
sie sich weitgehend einig mit Amtsinhaber Sergej Bagapsch, der für eine weitere
Amtszeit antritt. Doch die verfeindeten Abchasen und Georgier sind über die
Grenze hinweg aufeinander angewiesen.
Präsident Bagapsch setzt auf russische
Unterstützung: Die russische Staatsbahn soll das abchasische Bahnnetz reparieren
und ausbauen und es im Gegenzug für ein Jahrzehnt betreiben dürfen. Auch den
russischen Vorschlag, sich an der Reparatur und der Modernisierung des
Inguri-Wasserkraftwerks zu beteiligen, will er ernsthaft erwägen - vielleicht
könne man einem russischen Unternehmen sogar für einige Zeit den Betrieb
überlassen.
Die Herausforderer Bagapschs reden davon, dass der Ausverkauf
Abchasiens an Russland drohe. Bagapsch hält den Vorwurf des Ausverkaufs an
Russland für Wahlkampfgerede - einmal an der Macht, hätten auch Chadschimba,
Butba oder Ardsinba keine andere Wahl, als russisches Geld anzunehmen, da der
Westen ja nicht helfe.
08.12.2009 RIA Novosti
***
EU weigert sich Südossetien und
Abchasien anzuerkennen
Die Europäische Union (EU) ist nicht gewillt, die
Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens anzuerkennen.
Das erklärte EU-Missionschef Hansjörg Haber am
Donnerstag auf einer Pressekonferenz in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Am
selben Tag war eine EU-Delegation zu einem viertägigen Besuch in Georgien
eingetroffen, um sich über die Tätigkeit der EU-Mission und über die politische
Sistuation im Land vor Ort zu informieren.
Haber bemängelte, dass die EU-Beobachter keinen
Zugang zum Territorium Abchasiens und Südossetiens haben. “Aber die wichtigste
Garantie für Georgien ist unsere Politik der Nichtanerkennung, die wir
fortsetzen werden. Das ist ein wichtiger diplomatischer Fakt”, sagte Haber.
Im Fall der serbischen Provinz Kosovo zögerte die EU, wie auch
die Schweiz, nicht. Auf massiven Druck der USA wurde deren Anerkennung in den
grössten US-Vasallenstaaten innerhalb von 30 Tagen völkerrechtswidrig
abgesegnet.Den USA gelang es so, den ersten islamischen Staat auf europäischem
Boden zu installieren.
13.11.2009 SCHWEIZ MAGAZIN
***
Besuch in einem Land, das es eigentlich nicht gibt
Abchasien in den starken Armen Russlands
2008 hat sich die abtrünnige georgische Provinz Abchasien für unabhängig
erklärt. Restlos glücklich sind die Abchasen mit ihrer neuen Freiheit nicht.
Klaus-Helge Donath, Suchumi
Hoch über Suchumi, hinter einer subtropischen
Pflanzenwelt, findet sich einer der Belege, warum die Republik Abchasien längst
ein souveräner Staat ist. Und dies auch zu Recht verdient, wie das zumindest die
Mitarbeiter des Instituts für Experimentelle Pathologie sehen, das hier
beheimatet ist. Nach dem Sezessionskrieg gegen Georgien von 1992 bis 1993
verhängte die internationale Gemeinschaft einen Bann über die
Schwarzmeer-Republik. Das Institut forschte trotzdem weiter. «Wir bauen einen
neuen Staat, und dafür sind Universität und Wissenschaft unerlässlich», sagt
Institutsdirektor Wladimir Barkaja.
Kriegsgeschädigte Paviane
Zwar fehlten Mittel, und die internationale
Wissenschaftsgemeinde ging auch auf Distanz zu dem Paria. Das Institut gab
jedoch nicht auf. Von kostspieliger Immunologie-Forschung stellte es auf Studien
zur posttraumatischen Krisenbewältigung bei Pavianen um, die man hier seither in
Käfigen hält. Auch die Primaten litten infolge des Krieges an Depressionen und
wollten sich partout nicht paaren. «Mit der veränderten Sicherheitslage kehrt
das Verlangen allmählich zurück», schmunzelt Direktor Barkaja.
Moskau hat der Mandarinen-Republik, die einst die
Sowjetunion mit Südfrüchten versorgte, nach einem Blitzkrieg gegen Georgien im
Sommer 2008 die Unabhängigkeit geschenkt. Der Westen protestierte, und die Uno
versagte dem Neuling die Anerkennung. Für die Abchasen begann unterdessen eine
neue Zeitrechnung. «Seither müssen wir keine Angst mehr haben, nach siebzehn
Jahren Ungewissheit kann endlich der Wiederaufbau beginnen», sagt der
Menschenrechtler und Abgeordnete Batal Kobachija. Ein neues Beistandsabkommen,
das Russland und Abchasien letztes Jahr schlossen, markiere für die meisten
Abchasen die Stunde null.
«Moskau übernimmt die Sicherung unserer Grenzen.
Krieg gegen Abchasien bedeutet Krieg mit Russland», meint Sergei Schamba. «Das
gibt einem doch gleich ein ganz anderes Gefühl.» Schamba ist seit mehr als einem
Jahrzehnt Aussenminister. Der Anerkennung durch Moskau folgte jene Nicaraguas,
und auch die Hamas aus dem Gazastreifen zögerte nicht lange. Zuletzt hiess der
Venezolaner Hugo Chávez den neuen Staat willkommen.
Das Aussenministerium ist in einem Flügel des
Ministerrats untergebracht, es kommt mit ein paar Räumen auf einer Etage aus.
Der junge Staat begnügt sich noch mit dem kargen Interieur aus dem Nachlass
sowjetischer Amtsstuben. Untätig blieb das Aussenministerium indes auch in den
Zeiten der Isolation nicht. Über die Unpo, die Unrepresented Nations and Peoples
Organization, stellte Apsny, wie sich Abchasien in der Landessprache nennt,
Kontakt zur Aussenwelt her. Regelmässig treffen sich in dieser von Abchasien
mitbegründeten Gruppe die Vertreter von Völkern wie den Rehoboth Basters aus
Namibia, der Buffalo River Dene Nation in Kanada oder den laotischen Hmong zu
Vollversammlungen.
Zweierlei Mass des Westens
«Wir wollen eine mehrgleisige Aussenpolitik», sagt
Schamba. Der Westen messe jedoch mit zweierlei Mass. Er anerkenne Kosovo,
spreche aber Abchasien das gleiche Recht ab. «Dabei unterscheidet uns nur eines,
wir sind Verbündete Russlands.» Gerade die Verweigerung treibe Abchasien in die
Arme Moskaus.
Auf der Strasse sehen es die Menschen ähnlich. Sie
gehen damit inzwischen gelassen um. Der Rückhalt Russlands, davon sind die
meisten überzeugt, habe unwiderrufliche Tatsachen geschaffen. Über alle
politischen Gräben hinweg wird am gesellschaftlichen Grundkonsens nicht
gerüttelt: Russland ist Garantiemacht, und kein Weg führt zurück nach Georgien.
Eine Rückkehr der 250 000 aus Abchasien vertriebenen Georgier ist in Suchumi
kein Thema. Die Abchasen denken in grösseren Zeiträumen. Dass sie nach mehr als
tausend Jahren wieder in einem eigenen Staat leben, bestärkt sie in dem Glauben,
zu guter Letzt die Geschichte doch als Bundesgenossen zu haben.
Die Risiken, die mit dem übermächtigen Nachbarn
als Geburtshelfer und Schutzmacht verknüpft sind, werden nicht verschwiegen. Vom
selbständigen Staat am Tropf zum Protektorat ist es nicht weit. Zumal die
gemeinsame Geschichte mit dem Schutzpatron nie eine wirklich ungetrübte
Liebesbeziehung war. Nach dem kaukasischen Krieg im 19. Jahrhundert flohen
Hunderttausende von Abchasen vor den russischen Kolonisatoren in die Türkei. Und
erst die Sowjetisierung im 20. Jahrhundert, die das einstige stolze Bergvolk
seiner Selbstbestimmung beraubte, schuf den Konflikt mit den Georgiern mit
seiner heutigen Unversöhnlichkeit.
«Wir sind Russland für die Unterstützung dankbar,
aber ob sie selbstlos war?» Inal Chaschig kommt ins Grübeln. «Unsere Interessen
decken sich zurzeit», meint der Chefredaktor der oppositionellen «Tschegemer
Prawda». «Da wir nicht wissen, wie Russland in einigen Jahren zu unserer
Freiheit steht, müssen wir die Beziehungen juristisch schnellstens festklopfen.»
Viele befürchten, Russland könnte die einstige sowjetische Riviera aufkaufen.
25.10.2009 NZZ Online
***
Abchasien, Russland und Ruinen
Im Bund mit der Geschichte
Noch prägen Ruinen das Bild der Hauptstadt
Suchumi, doch in den Cafés herrscht eine erstaunliche Weltoffenheit. Russland
ist die Garantiemacht, und kein Weg führt zurück nach Georgien.
Von Klaus-Helge Donath
"Sie sollen sich gefälligst an uns wenden", zischt
Sergei Schamba ins Telefon. Wieder war eine Beschwerde beim abchasischen
Außenministerium eingegangen. Auf dem Umweg über Moskau allerdings. Eine
Delegation aus Europa wartet auf die Einreise in den subtropischen Landstreifen
am Schwarzen Meer. Den Visumantrag stellte sie in Moskau. "Die Europäer tun so,
als gäbe es uns nicht, mal fragen sie in Moskau, mal in Tiflis an", meint
Außenminister Schamba verärgert. Solche Fälle bleiben in der Visaabteilung der
Republik Abchasien natürlich unbearbeitet liegen.
Nach Lesart der Abchasen ist "Apsny", wie sich das
junge Staatswesen in der Landessprache nennt, längst ein Subjekt der
internationalen Staatenwelt. Russland schenkte dem von Georgien abtrünnigen
Sonnenflecken vor einem Jahr die Souveränität. Nicaragua folgte mit der
Anerkennung auf dem Fuße und auch die Hamas im Gazastreifen zögerte nicht lange.
Als Letzter hieß der Venezolaner Hugo Chávez die Mandarinenrepublik willkommen.
Das baut auf, nutzt aber nicht viel. Mit den Freunden in Übersee, gesteht
Schamba freimütig, gäbe es bislang wenige Überschneidungen. Moskau vertritt
Apsnys Interessen im karibischen Raum.
Das Außenministerium ist in einem Flügel des
Ministerrats untergebracht, es kommt mit ein paar Räumen auf einer Etage aus.
Bescheiden geht es zu, der junge Staat gönnt sich keinen Luxus. Noch begnügt er
sich mit dem kargen Interieur aus dem Nachlass sowjetischer Amtsstuben. Es ist
der Preis für den selbst gewählten, 17 Jahre währenden Ausschluss aus dem Kreis
der souveränen Staaten. Nach dem Sezessionskrieg gegen Georgien 1992/93 machte
die Geschichte einen Bogen um den von der Natur verwöhnten Küstenstreifen. Die
selbsternannte Republik sah sich zum Nichtstun verurteilt.
Wie zum Trotz schuf sich Apsny ein paralleles
Universum, von dessen Existenz die Staatenwelt kaum etwas ahnte. Über die Unpo (Unrepresented
Nations and Proples Organisation) stellte Abchasien Kontakt zur Außenwelt her.
Hinter dem Kürzel verbirgt sich die über den Erdball verstreute Familie der
nicht repräsentierten Völker. Nach dem Vorbild der UNO legte sich auch die Unpo
Generalsekretär und Sicherheitsrat zu. Regelmäßig treffen sich die Beauftragten
fürs Auswärtige solcher Ethnien wie der Rehoboth Basters aus Namibia, der
Buffalo River Dene Nation, der laotischen Hmony oder der im Grenzgebiet zwischen
Pakistan und Kaschmir beheimateten Gilgit-Baltistan zu Vollversammlungen.
Unpo-Mitbegründer war Schambas Vize Maxim Gwindschija.
Riskante Schutzmacht
Dass Russland als Geburtshelfer und Schutzmacht
auftritt, birgt Risiken. Vom selbständigen Staat am Tropf zum Protektorat ist es
nicht weit. Zumal die gemeinsame Geschichte mit dem Schutzpatron nie eine
wirklich ungetrübte Liebesbeziehung war. Nach dem kaukasischen Krieg im 19.
Jahrhundert flohen hunderttausende Abchasen vor den russischen Kolonisatoren in
die Türkei. Um die Nachfahren dieser Flüchtlinge wirbt Suchumi heute. Noch
übersäen Kriegsnarben das Stadtbild. Das Amt für Repatriierung in der
Sacharowstraße jedoch wurde schmuck wieder hergerichtet.
Neben dem gewienerten Messingschild ziert
Abchasiens bunte Flagge die blendend weiße Fassade. "Viele Landsleute aus der
Türkei haben Interesse und erkundigen sich", erzählt Denis, der vor 17 Jahren
der Diaspora den Rücken kehrte und als Freiwilliger am Unabhängigkeitskrieg
teilnahm. Nur ein Bruchteil geht das Wagnis aber auch ein, in die Heimat der
Vorväter zurückzukehren. Die meisten lassen sich von der wirtschaftlichen
Rückständigkeit und der ungewissen politischen Zukunft dann doch abschrecken,
vermutet Denis. Wenn sie schon nicht bleiben, möchte man sie wenigstens als
Investoren gewinnen. Schon um ein Gegenwicht zum russischen Kapital zu schaffen,
das nur zu gern die einstige sowjetische Riviera aufkaufen würde. Noch immer
klingt den Abchasen Wladimir Putins Sottise in den Ohren, der zu Besuch in
Suchumi sinngemäß gesagt haben soll: Der Westen ignoriert euch, dann kaufen wir,
und wenn er aufwachen sollte, verkaufen wir teuer weiter. "Putin sei Dank für
die Offenheit, lustig fanden wir es nicht", sagt Inal Chaschig, der
Chefredakteur der Tschegemer Prawda.
Noch können Ausländer keine Immobilien erwerben.
"Wir sind Russland für die Unterstützung dankbar, aber ob sie selbstlos war …"
Chaschig kommt ins Grübeln. "Zurzeit decken sich unsere Interessen", meint er
nüchtern. Die Beziehungen zu Russland müssten so schnell wie möglich juristisch
festgeklopft werden. "Wer weiß, wie Moskau in einigen Jahren zu unserer Freiheit
steht?"
Der Ort Tschegem, der dem Blatt den Namen gab, ist
auf keiner Landkarte zu finden. Mit der Figur des Sandro aus dem Bergdorf
Tschegem schuf der berühmteste Schriftsteller des Landes Fasil Iskander ein
modernes abchasisches Epos des 20. Jahrhunderts. Sandro, der bäuerliche Held,
ist eine Mischung aus Don Quijote und Schwejk. Seine Geschichten sind die
Geschichte eines Untergangs. Iskander beschreibt, wie die Sowjetisierung die
Bergbauernkultur zerstörte und die Gebirgler nötigte, in die Ebene zu ziehen.
Dort, im ethnischen Schmelztiegel, waren sie nicht mehr die Herren im Hause. Vor
diesem Hintergrund erscheint der Konflikt mit Georgien als eine unausweichliche
Fortschreibung derselben Passionsgeschichte.
Chaschig ist ein Vertreter der jungen Intelligenz
und bekannt wie ein bunter Hund. Während des Gesprächs schüttelt der umtriebige
Mittdreißiger unentwegt Hände. Es sind Leute wie er und der Menschenrechtler
Bartal Kobachija, die viel dafür getan haben, dass Abchasien nach dem Krieg
nicht auf den Abweg dumpfer Bauerntümelei geriet. Trotz Isolation bewahrten sich
die Intellektuellen eine erstaunliche Weltoffenheit.
Chaschigs Stammcafé liegt einen Steinwurf vom
Außenministerium entfernt und ist der wichtigste Umschlagplatz für Nachrichten.
Wer informiert sein will, schaut wenigstens einmal am Tag auf einen türkischen
Kaffee vorbei. "Ostkaffee" heißt der hier. Wie ein Wunder haben die uralten
Palmen an der Promenade die Kriegswirren überstanden, auch der üppige Oleander
entfaltet die alte Pracht. Früher stieß gelegentlich noch der Präsident der
Republik, Sergei Bagapsch, dazu. Mit der Souveränität ist das innenpolitische
Mikroklima rauer geworden. Für Außenstehende sieht es dennoch so aus, als träfe
sich eine weitläufige Verwandtschaft zur Familienfeier. Natürlich trügt die
Idylle. Verwerfungen und Probleme gibt es zuhauf.
Vertrackte Verhältnisse
Bei den Tributleistungen fängt der Streit an.
Gegner werfen dem Präsidenten vor, den Nachbarn eilfertig und über Gebühr
belohnt zu haben. Neben langjährigen Nutzungsrechten an der Eisenbahn erhielt
der Ölkonzern Rosneft die alleinige Lizenz zur Ausbeutung der Ölvorkommen vor
der Küste. Dabei sei die ökologische Belastung nicht bedacht worden, moniert die
Opposition. Für Abchasien, das auf den Tourismus angewiesen ist und sich von
russischen Zuwendungen abnabeln möchte, ist dies lebenswichtig.
Ins Fadenkreuz geriet auch das
Stationierungsabkommen. Die russischen Truppen sind als Sicherheitsgaranten über
alle politischen Gräben hinweg willkommen. Das neue Beistandsabkommen markiere
für die meisten Menschen die Stunde null, meint Batal Kobachija. "Wir müssen
keine Angst mehr haben und können endlich den Wiederaufbau angehen." Die
Erleichterung ist nicht gespielt. Ausgerechnet Expremier Raul Chadschimba legt
den Finger auf die Wunde.
Bei den letzten Präsidentschaftswahlen stellte ihn
Wladimir Putin dem eigenständigeren Bagapsch noch als Aufpasser zur Seite. Von
Beruf sei er Jurist, von Berufung aber KGB-Mann, scherzt Chadschimba im
Gespräch. "Die Armee errichtet einen Staat im Staate", behauptet er. Sei das
etwa Souveränität, wenn sich die russischen Streitkräfte nicht an abchasische
Spielregeln halten müssten? Kaukasische Verhältnisse, vertrackt wie sie sind.
Die Unstimmigkeit rüttelt aber nicht am
gesellschaftlichen Grundkonsens: Russland ist die Garantiemacht, und kein Weg
führt jemals zurück nach Georgien. Auch die Rückkehr der 250.000 georgischen
Flüchtlinge ist ein Tabu. Egal, was die internationale Gemeinschaft davon halten
mag.
An diesem Tag steht aber nicht die Politik im
Vordergrund. Bei den Weltmeisterschaften im Freistilringen holte der Abchase
Denis Zargusch den Titel. Rechtzeitig zum 16. Jahrestags des Sieges über
Georgien. Der Zeitungsverkäufer am Platz der Freiheit wirbt mit dem Landsmann.
Nur eins schmälere den Triumph, gesteht der Ringer: Er errang den Titel für
Russland, nicht für Abchasien.
Die Abchasen denken in größeren Zeiträumen. Dass
sie nach mehr als tausend Jahren wieder in einem eigenen Staat leben, bestärkt
sie in dem Glauben, zu guter Letzt die Geschichte doch als natürlichen
Bundesgenossen auf ihrer Seite zu haben. Apropos Historie. Geschichte und
Archäologie haben den Rang von Königswissenschaften. Allein vier Institute
widmen sich der Vergangenheit. Deren Kenntnis fördert auch die politische
Karriere.
Sergei Schamba ist nur einer von vielen
promovierten Archäologen unter den Politikern. Als er die schon etwas
holzstichige Arbeit zur"politischen und kulturellen Situation des antiken und
mittelalterlichen Abchasiens anhand von Erkenntnissen der Archäologie und
Numismatik" aus dem Schreibtisch hervorholt, leuchten seine Augen. Das Gespräch
entspannt sich. "Glauben Sie mir, wir wollen eine mehrgleisige Außenpolitik
fahren", sagt er zum Abschied. Der Wachmann im Ministerrat hebt beim Verlassen
kurz den Kopf. Er ist in die Tschegemer Prawda vertieft, Chaschigs
Oppositionsblatt. In Suchumi weht ein anderer Wind als in Moskau.
20.10.2009 taz.de
***
Einsam am Schwarzen Meer
Von Paul Flückiger,
Das von Georgien abtrünnige Abchasien ist seit 17 Jahren isoliert. Die
Anerkennung durch Moskau hat daran nichts geändert. In der Bevölkerung macht
sich erster Unmut über den großen Bruder Russland breit in Suchumi.
Eine Barke driftet
im Meer. Sie trägt eine junge Frau mit einem Säugling an der
Brust. Dann zerreißt das hellblaue Tuch und zu pathetischer Musik steigen
phönixgleich Dutzende von Tänzern vom Meeresgrund auf. Sie wirbeln über die
Bühne, kühn und stark. Als die Trommeln verstummen, erhebt sich das Saalpublikum
der Abchasischen Philharmonie zu stehenden Ovationen. "Das Volk muss seine
Geschichte kennen", erklärt Marina Muratowa nach der Aufführung. Viele Zuschauer
hätten danach Tränen in den Augen, doch das Leiden mache stark und
widerstandsfähig, sagt die Volkstänzerin.
Von Leid, Tränen und Widerstand sprechen die
Abchasen gern. 17 Jahre ist es her, seit ein Bürgerkrieg zwischen Abchasien und
Georgien den Landstrich am Südfuß des Kaukasus heimgesucht hat. Zu Sowjetzeiten
haben hier eine halbe Million Einwohner gelebt, auf einer Fläche, die der
dreifachen Größe des Saarlands entspricht. Heute sind es offiziell noch 215 000
Menschen, doch weniger als 100 000 davon sind Abchasen. Die übrige Bevölkerung
in der einstigen Sonnenstube der Sowjetunion besteht aus Armeniern (21 Prozent),
Georgiern (19), Russen (11) und weiteren Minderheiten. Zehntausende von
georgischen Flüchtlingen können oder wollen nicht zurückkehren, viele warten vor
allem in Russland auf bessere Zeiten.
Im Schwarzmeerkurort Gagra sind diese bereits
angebrochen: Rund eine Million sonnenhungrige Russen haben das Städtchen und
seine günstigen Hotels in diesem Jahr schon besucht. Der Strand ist hier frei
zugänglich, die Preise viel niedriger als im russischen Nachbarort Sotschi. Und
praktischerweise hat Abchasien bei seiner Unabhängigkeitserklärung vor zehn
Jahren den russischen Rubel als Währung angenommen. Hinzu kommt der bezaubernd
südländische Charme der lokalen Bevölkerung. Der Preis, den Touristen dafür
zahlen, ist jedoch ein Blick auf zerbombte Sanatorien, ausgebrannte Restaurants
und vor sich hin siechende Renovationsruinen. Auch 16 Jahre nach dem Ende des
"Vaterländischen Krieges für die Unabhängigkeit", wie der Waffengang in
Abchasien heißt, fehlt das Vertrauen von Investoren.
"Die Anerkennung durch Russland hat die Lage
stabilisiert", sagt der abchasische Vize-Präsident Wjatscheslaw Chirikba beim
Gespräch in der Hauptstadt Suchum (georgisch: Suchumi). "Seit das Vertrauen da
ist, dass morgen nicht gleich wieder Krieg herrscht, ist im Volk der
Gründergeist erwacht." Moskau hatte Abchasien Ende August 2008 zusammen mit
Südossetien anerkannt - als Antwort auf den Georgienkrieg. Eine Woche später
folgte Nicaragua, ein Jahr darauf Venezuela.
Abchasien steht weiterhin isoliert da, zumal sich
Georgien mit Händen und Füßen gegen die internationale Anerkennung des
Landstrichs wehrt, der seit Stalins Machtspruch im Jahr 1931 sein integraler
Bestandteil war. Das nach Legitimation suchende Abchasien hingegen stützt sich
auf die Episode zuvor, als es zehn Jahre lang eine eigene Sowjetrepublik war.
"Grenzen, Staaten, Republiken, was interessiert
mich denn das?", fragt der Schuhmacher Schora und blickt verächtlich zu Boden.
Der Krieg sei Sache der Obrigkeit gewesen, das gemeine Volk habe immer schon
gelitten. Schora ist Armenier, seine Bude liegt unweit des zentralen Marktes von
Suchrum. Einst war er Mechaniker, doch seit dem Bürgerkrieg von 1992/93 sind
fast alle Kombinate geschlossen. Gleich um die Ecke, erzählt er, seien zu
Sowjetzeiten Raketenteile gefertigt worden: "Spitzentechnik! Alles kaputt!"
Heute klaffen leere Fensterhöhlen in den Obergeschossen, inmitten der
unverputzten Mauern im Parterre hat sich eine Art Einkaufszentrum eingenistet.
Auf dem nahen Markt sucht man vergeblich nach georgischen Produkten. Russische
Lebensmittel und türkische Kosmetika sind hier zu haben, chinesische Elektronik,
Textilien aus Vietnam. Die Waren werden über den Grenzübergang Adler via
Russland eingeführt. Laut offizieller Statistik lag die abchasische
Handelsbilanz 2008 bei minus 5,3 Milliarden Rubel (125 Millionen Euro). Der
Import überflügelte den Export (vor allem Zitrusfrüchte und Nüsse) um mehr als
das Sechsfache. Nicht eingerechnet ist der kleine Grenzhandel. Igor zum Beispiel
fährt zweimal monatlich zu Verwandten nach Sotschi und kauft dort billig ein.
Wie alle Reisenden muss er die Grenze zu Fuß überqueren. "Wenn es regnet, stehen
wir stundenlang ohne Dach, scheint die Sonne, schmelzen wir fast. Behandelt man
so einem Freund?", fragt der 60-Jährige bitter.
Im abchasischen Außenministerium macht man
technische Probleme auf russischer Seite für diese Misere verantwortlich. Alles
werde besser, sobald zusätzliche Brücken über den Grenzfluss Psou gebaut seien,
erklärt Außenminister Sergej Schamba. Doch die junge Diplomatin Lana Agrba
klagt, dass zwar nahezu alle Abchasen russische Pässe besäßen, diese jedoch als
Sonderserie für Auslandsrussen ausgestellt seien. Über die Rubrik "Geburtsort"
sei ein Abchase immer als solcher erkennbar. Ihre internationalen Missionen
würden dadurch enorm erschwert.
Über Russland will dennoch kein Offizieller ein
böses Wort verlieren. Selbst in heiterer Runde in einem Lokal unweit des mit
Werbeplakaten umhüllten, ausgebombten Nobelhotels "Abchasia" ist nur in den
Zwischentönen leise Kritik zu vernehmen. Die Anerkennung der abchasischen
Unabhängigkeit müsste doch im Interesse der EU liegen, sagt etwa Vize-Präsident
Chirikba, andernfalls würde Abchasien nur in die Hände Russlands getrieben.
Moskau habe gemerkt, wie heikel es sei, in Suchum imperial aufzutreten, erklärt
der zweite Mann im Staat, deshalb halte es sich heute zurück. Davon, dass
Abchasien sich 1992/93 selbst von der georgischen Übermacht befreit habe, ist
hier drinnen jeder genauso überzeugt wie draußen in den düsteren, löchrigen
Straßen Suchums. Im unweit gelegenen Hafen ankert derweil ein Patrouillenboot
der russischen Kriegsmarine, die seit Ende September die abchasischen
Küstengewässer sichert. Zuvor hatten georgische Kriegsschiffe mehrere Frachter
aufgebracht.
Man könne geduldig auf weitere Anerkennungen
warten, heißt es im Außenministerium, einem schlichten Verwaltungsgebäude aus
der Sowjetzeit. "Natürlich hätten wir gerne die der EU und der Türkei, weil sie
Nachbarn sind, aber leider sind sie nicht unabhängig genug von den USA", erklärt
Außenminister Schamba mit düsterem Blick. Die Amerikaner rüsteten weiterhin die
georgische Armee aus. Deshalb werde man die Fühler einstweilen eher in Richtung
Nahost und Lateinamerika ausstrecken müssen.
Mit Georgien in einem Boot sitzen will in
Abchasien jedenfalls niemand mehr. Selbst der Oppositionspolitiker Gennadi
Alamia erklärt in einem der vielen Kaffeehäuser an der Lakoba-Straße, eine
Rückkehr sei ausgeschlossen. Was Alamia knapp zwei Monate vor den
Präsidentenwahlen umtreibt, ist vielmehr die angebliche Russenhörigkeit der
abchasischen Regierung. "Wir wollen kein Teil der Russischen Föderation werden",
regt sich Alamia auf und belegt dies mit unklaren Wirtschaftsverträgen, die die
abchasische Eigenstaatlichkeit verletzen sollen. So sei die abchasische
Eisenbahn einfach für fünf Jahre de facto in die Russische Eisenbahn
eingegliedert worden.
Auf dem Bahnhof von Suchum hat mittlerweile das
Unkraut den einzigen Bahnsteig erobert. Zwei ältere Frauen jäten gemächlich
zwischen den rostigen Gleisen; für den alle paar Tage verkehrenden
Suchumi-Moskau-Express sind noch viele Fahrkarten zu haben. Sie kosten 4600
Rubel (110 Euro) - ein abchasischer Durchschnittslohn.
18.10.2009 WELT ONLINE
***
Die ABC-Republik
Von Alexander Smoltczyk
Abchasien, ein
Bastardstaat der Weltgemeinde, wurde vor einem Jahr von Russland
anerkannt. Es liegt geopolitisch brisant, jederzeit einsetzbar als
Kriegsgrund zwischen altem Osten und neuem Westen. Was passiert, wenn
eine Nation versucht, sich selbst zu erfinden?
Sie können
schreiben, was Sie wollen. Aber ...", sagt der Ministerpräsident, "...
bitte lachen Sie nicht über uns." Alexander Ankwab füllt die
Cognac-Gläser. "Auf die Freiheit!"
Wenige Wochen
zuvor ist eine Bazooka auf den Dienstwagen des abchasischen
Regierungschefs abgefeuert worden. Er sei wohl jemandem zu nahe
getreten, sagt Ankwab: "Es war der vierte Anschlag. Aber noch lebe ich.
Auch Abchasien lebt noch, oder?"
Alexander Ankwab
ist Ministerpräsident eines Landes, in dem die Städte Pzyb, Gwylrypsch
oder Gjatschrypsch heißen. Und das - "bisher!" - diplomatische
Beziehungen nur zu Russland und Nicaragua unterhält. Und zum
Gaza-Streifen, aber der zählt derzeit nicht.
Die einzige
internationale Organisation, in der dieses Land repräsentiert ist, ist
die Organisation nichtrepräsentierter Nationen und Völker (Unpo), ein
Weltverband der Idealrepubliken und befreiten Zonen, der
Ethno-Minderheiten und Phantomstaaten.
Alexander Ankwab
wird von seinen Mitarbeitern "Anthony Hopkins" genannt, weil er aussieht
wie der britische Schauspieler. Aber Ministerpräsident Ankwab
schauspielert nicht. Er meint es ernst: "In zehn Jahren kann Abchasien
eine Art Monaco werden. Kein Investor stört sich an unserem Status.
Singapur wollte kürzlich gleich alles aufkaufen, Hotels, den Flughafen,
die Strände. Das ging uns zu schnell."
Abchasien liegt
im Kaukasus, dort, wo Europa langsam nach Asien hin ausläuft. Bis 1993
gehörte das Land zu Georgien. Seit es sich für souverän erklärt hat, ist
"Abchasien" der Versuch eines Landes, sich selbst zu erfinden. Als Staat
erinnert es manchen Realpolitiker an jene Leute, die plötzlich
beschließen, in einer Höhle im Stadtwald zu leben und eine eigene
Sprache zu sprechen.
Am 26. August
2008 hatten Abchasiens Ministerpräsident und seine Bürger ein
Robinson-Crusoe-Erlebnis. Sie waren nicht allein. Russland hatte
Abchasien anerkannt. Alexander Ankwab erfuhr davon aus dem Fernsehen.
Russland hatte gerade die abtrünnige georgische Provinz Südossetien
besetzt (beziehungsweise befreit), und die EU versuchte, zwischen
Russland und Georgien zu vermitteln. Da stellte sich der russische
Präsident vor die Kameras und verkündete, seine Regierung habe die
ebenfalls abtrünnige Provinz (beziehungsweise Nation) Abchasien
anerkannt, sicherheitshalber.
Damit ist
Abchasien eines der jüngsten Mitglieder der Staatengemeinschaft, wenn
auch nur ein Bastard. In diplomatischen Schriftsätzen wird es mit ABC
abgekürzt (das Kürzel Südossetiens lautet SOS).
Die ABC-Republik
hat keine eigene Währung, kann kein Geld drucken und auf dem Finanzmarkt
auch keine Kredite aufnehmen, weil es sie völkerrechtlich nicht gibt.
Für den Rest der Welt ist das Land nur eine größenwahnsinnige Provinz
Georgiens, mit so viel Einwohnern wie Kassel.
Nun brauchte
einen Abchasien nicht zu interessieren, wenn es nicht im Kaukasus läge,
in jener heißen Zone der geopolitischen Tektonik. Als sich dort vor
einem Jahr der Kaukasus-Krieg zwischen Russland und Georgien zuspitzte,
reiste der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier alarmiert nach
Suchumi. Und nicht, um mit Premierminister Ankwab Cognac zu trinken.
Abchasien ist diplomatisches Sudoku des höchsten Schwierigkeitsgrades,
ein jederzeit einsetzbarer Casus Belli zwischen altem Osten und neuem
Westen. Es gibt Experten, die sagen, der nächste europäische Krieg würde
irgendwo zwischen Krim und Kaukasusgebirge ausbrechen.
In der
Zwischenzeit ist Frieden. "Auf eure Kanzlerin! Auf die
deutsch-abchasische Freundschaft!" Mit diesen Worten überreicht Ankwab
Gastgeschenke. Teuer riechende Prospekte, einen Messing-Wimpel mit einer
wütenden Amazone, dem Staatswappen, eine Uhr mit der abchasischen
Nationalflagge, einer Handfläche vor grün-weißen Streifen. Es sind
Existenzbeweise eines Staats, den es eigentlich nicht gibt und der
eigentlich auch nicht zu betreten ist.
In den
Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amts in Berlin heißt es: "Abchasien
ist grundsätzlich für den internationalen Reiseverkehr gesperrt. Eine
legale Ein- und Ausreise ist weder über die georgisch-russische Grenze
noch über die Waffenstillstandslinie entlang des Inguri-Flusses möglich.
Vor Reisen nach Abchasien wird ausdrücklich gewarnt."
Trotz dieses
Hinweises gibt es an der Nordgrenze den Grenzposten Psou, ein
pathetisches, ziemlich heruntergekommenes Zementportal, an dem russische
Touristenbusse warten. Für die Russen sind Abchasiens Strände wie
Rimini, nur besser: Es ist billig, alle verstehen einen, und man braucht
seine Rubel nicht zu wechseln.
Ein Lada ist mit
Eiern beladen, aus dem Kofferraum eines anderen ragt eine Wagenachse
heraus. Daneben stehen zwei Porsche Cayenne mit frischem
ABH-Kennzeichen. Die Fahrer sind im Duty-free-Shop verschwunden, wo man
für Euro "Bounty" und schottischen Whisky kaufen kann.
Weil die
Südgrenze nach Georgien geschlossen ist, kann man nur über das russische
Schwarzmeerbad Sotschi einreisen. Nichtrussen müssen sich daher neben
dem abchasischen Visum noch ein russisches Transitvisum besorgen und
aufpassen, dass Georgien davon nie etwas erfährt.
Theoretisch
könnte man auch im Hafen von Trabzon einen türkischen Bootsbesitzer
bestechen, damit der einen durch die Seeblockade Georgiens schleust.
Eine riskante und illegale Technik, mit Hilfe deren der gesamte
Überseehandel Abchasiens abgewickelt wird.
Als Benetton im
Mai die Eröffnung einer Filiale in Abchasien ankündigte, sprach
Georgiens Außenminister von einem "verbrecherischen" Plan und drohte mit
Vergeltung. Benetton zog zurück.
Es ist gut 3000
Jahre her, dass Jason und die Argonauten hier nach dem Goldenen Vlies
suchten. Damals hieß das Land noch Kolchis, und an einem der örtlichen
Kaukasusgipfel wühlte ein Adler in den Eingeweiden des Prometheus. Der
hatte damals schon die göttliche Ordnung durcheinandergebracht.
Heute heißt die
Hauptstadt Suchumi - beziehungsweise abchasisch politisch korrekt Suchum
ohne i, denn 3500 Abchasen sollen nicht umsonst im Unabhängigkeitskrieg
1992/93 für Freiheit und Rechtschreibung gestorben sein. So war einer
der ersten Verwaltungsakte nach der Befreiung das Überpinseln aller
Endungs-i aus den Ortsnamen der Karten. Tipp-Ex als Waffe.
Abchasien war
einmal "die rote Côte", ein subtropischer Zipfel Sowjetreich, und
ehemalige DDR-Bürger können nicht ohne Wehmut an diese Strände denken,
die Palmen, die Mandarinenbäume.
Die Bürostuben
der gesamten Sowjetunion wurden mit Topfpflanzen aus Abchasien
beliefert. Es gab eine Zuchtstation für Paviane, vor der heute ein
Heldendenkmal steht. Es ist ein Granitblock in Form eines Mantelpavians,
darin eingraviert der Dank des Sowjetvolks für all die
aufopferungsvollen Experimente im Kampf gegen Typhus und Polio.
Noch vor zehn
Jahren war Suchumi eine befreite, aber völlig zerstörte Stadt, in der
nachts die Schüsse der Schmugglerbanden zu hören waren und Autos
umherrasten, die als einziges Kennzeichen eine Plakette des ADAC
aufwiesen.
Inzwischen fahren
Oberleitungsbusse. Man sieht geöffnete Banken, und vorm
Puschkin-Gymnasium stehen Jugendliche in Schuluniformen. Im Kino läuft
ein Louis-de-Funès-Film mit abchasischen Untertiteln. Es gibt Ampeln,
eine Kinderbibliothek, Geschwindigkeitskontrollen, und eine Frau führt
ihren Dackel an einer Flexi-Leine spazieren. Das allein ist noch kein
Beweis für eine funktionierende Zivilgesellschaft. Aber es steht doch in
gewissem Widerspruch zum Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amts in
Berlin.
Abchasien hat
sogar ein Nationales Olympisches Komitee. So steht es neben der Tür
eines Büros, im Souterrain des ansonsten ziemlich ausgebrannten
ehemaligen Sowjetgebäudes am Platz der Freiheit.
Der Sportminister
zündet sich eine Parliament-Zigarette an, bläst den Rauch aus und sagt:
"Wir haben an der Domino-Weltmeisterschaft teilgenommen. Ziemlich
erfolgreich." Der Sportminister ist ein hagerer ehemaliger
Panzerkommandant von 45 Jahren. Zum Glück verdiene seine Frau ganz gut,
sagt der Minister, sonst könnte er sich das Amt gar nicht leisten.
"Wir hoffen, auch
bei den Olympischen Spielen in London 2012 dabei zu sein." Leider
erlaube das IOC keine Teams zweifelhafter Staaten. "Eigentlich müsste
Abchasiens Fußballnationalmannschaft also in georgischen Trikots
auflaufen." Der Sportminister schaut in die Runde, als hätte er einen
Witz erzählt.
"Unser
Fußballverband ist 100 Jahre alt. Wieso werden unsere Aufnahmeanträge
von der Fifa immer wieder abgelehnt? Die Verhandlungen mit der
Internationalen Sambo-Föderation sind dagegen auf gutem Weg." - Sambo? -
"Ja. So eine Art sowjetisch-russisches Judo."
Im Jahr 2014
werden in Sotschi, direkt an der abchasischen Grenze, die XXII.
Olympischen Winterspiele abgehalten werden. Vergebens hatte ein im
georgischen Exil wirkendes Gegen-"Olympisches Komitee Abchasiens"
versucht, die Spiele zu verhindern. Nun sollen 14 Millionen Tonnen Sand,
Kies und Beton aus Abchasien für die Bauten geliefert werden. Jede Tonne
zementiert den Status quo. Vielleicht war "Sotschi 2014" auch ein Grund
für die russische Anerkennung des Landes. Es wäre unschön, an jeder
Biathlon-Loipe mit Partisanenbeschuss rechnen zu müssen.
Die politische
Macht Abchasiens passt in ein Gebäude. Es ist ein sandgestrahlter
Stalin-Bau an der Uferpromenade, wo es bittersüß nach Pomeranzenbäumen
und Eukalyptus riecht. Hier wohnt der Staatspräsident, um die Ecke
gelangt man ins Parlament, und gegenüber ist der Eingang zum Büro des
Premierministers und seines Kabinetts. Heute allerdings ist kaum jemand
da, weil die Mutter des Staatspräsidenten gestorben ist und fast alle
auf dem Friedhof sind.
Die Abchasen
basteln sich ihren Staat mit dem gleichen Ernst zusammen, der gleichen
irritierenden Sorgfalt, mit der Bastler sich den Eiffelturm aus
Zündhölzern nachbauen. Im Parlament, einem an den Sitzungssaal einer
Kreissparkasse erinnernden Raum im Parterre, sind die wichtigsten der
zwölf Parteien vertreten, von der Sozialpolitischen Bewegung Aidgilara
bis zur Abchasischen Volkseinheit.
Für das
offizielle Europa ist Abchasien dennoch eine Art Räuberrepublik, wo
Schieber und überdrehte Historiker ihren Separatismus austoben. Deswegen
hat auch Maxim Gwindschija Schwierigkeiten, in die richtigen Büros
vorgelassen zu werden. Auf seinem Schreibtisch steht das Schild:
Stellvertretender Außenminister der Republik Abchasien. "Wenn ich etwa
mit den baltischen Republiken sprechen will", sagt der Spitzendiplomat,
"geben sie mir Termine bei drittklassigen Beamten."
Gwindschija ist
33 Jahre alt, verdient 200 Dollar im Monat und wohnt mit seiner Familie
in einem Plattenbau am Stadtrand. Seine Frau leitet die erste
abchasische Model-Agentur und organisiert jedes Jahr die - von der
Staatengemeinschaft nicht anerkannte - Wahl der Miss Abchasien.
"Wir wollen kein
Frontstaat gegen den Westen sein", sagt Maxim Gwindschija. "Viele
Politiker des alten Europa verstehen das. Aber die neuen Europäer bauen
ihre Haltung auf antirussischen Vorurteilen." Dabei sei Abchasien
vielleicht die einzige funktionierende Demokratie im Kaukasus.
"Eure NGOs haben
uns Menschenrechtskurse finanziert, peacekeeping und conflict training.
Haben wir alles besucht", sagt er. "Aber Russland hat uns die Pensionen
für die Alten bezahlt. 20 Millionen Dollar jedes Jahr."
Russland würde
auch alle Exporte aufnehmen, vor allem Mandarinen und Baumaterial für
Olympia. Sein Handy meldet sich. "Excuse me ..." Es ist der Gesandte in
Tiraspol, der Hauptstadt der Transnistrischen Moldau-Republik, ebenfalls
nicht anerkannt.
Die Welt, in der
sich der Diplomat Maxim Gwindschija bewegt, ist eine, von der die
westliche Öffentlichkeit keine Ahnung hat. Es ist die Unpo, die
Völkerfamilie der Nichtrepräsentierten, eine Gegen-Uno mit
Vollversammlung, Generalsekretär und Sicherheitsrat, die sich regelmäßig
trifft. Gwindschija kennt den Außenminister der Buffalo River Dene
Nation, steht in lockerer Verbindung mit der Regierung Belutschistans,
Burjatiens und den Krim-Tataren. Das sei auch gut und informativ, sagt
er: "Aber wir brauchen die EU."
Seit über zehn
Jahren versuchen Uno und Europäer, zwischen Georgien und Abchasien zu
vermitteln. Streitpunkte waren immer die Rückkehr der überwiegend
georgischen 250 000 Flüchtlinge und die territoriale Integrität
Georgiens. Die EU-Diplomatie betonte dabei zwei Grundprinzipien:
Unverletzlichkeit nationaler Grenzen und Demokratie. Im Fall Abchasiens
passt beides nicht zusammen.
Der deutsche
Diplomat Dieter Boden war Chef der Blauhelmmission in Georgien, Unomig,
gewesen. Er schrieb einen Plan, wonach Abchasien als autonome Republik
nach Georgien zurückkehren sollte. Georgien stimmte zu, Abchasien lehnte
ab. Man fürchtete die Rache: "Die schlagen uns doch tot", sagt der
Vizeaußenminister.
Georgien soll, so
wollen es die USA, möglichst rasch Mitglied der Nato werden. Offiziell
muss Deutschland das auch wollen. Aber seit den Kriegstagen im August
2008 ist die Begeisterung etwas verhaltener.
Stalin hatte die
damalige Abchasische Sozialistische Sowjetrepublik 1931 seinem
Geburtsland Georgien als autonomes Territorium zugeschlagen. Für die
einen war das eine Gebietsreform, für die anderen der Beginn des
kulturellen Genozids.
Auf jeden Fall
kam es seit 1957 mehr oder weniger alle zehn Jahre zu Protesten der
Abchasen.
Nach dem Zerfall
der Sowjetunion wollten die Abchasen von Georgien, was Georgien von der
Sowjetunion wollte: die Unabhängigkeit. Aber die Abchasen waren nach den
Vertreibungen (beziehungsweise Auswanderungen) und diversen Umsiedlungen
(beziehungsweise Bodenreformen) nur noch eine Minderheit im eigenen
Land.
"Abchasien ist
das einzige Land der Welt, wo Stalins Politik wiederhergestellt werden
soll. Beim Lunch sagen mir die westlichen Diplomaten, dass unsere
Unabhängigkeit eine Tatsache ist. Aber wenn's ernst wird, schweigen
sie." Das sagt Batal Obachija, der abchasische Ströbele, ein
Menschenrechtsaktivist mit hagerem Schauspielergesicht.
Im Krieg
befehligte er ein Frauenbataillon, heute ist er die personifizierte
Opposition im Land und bereit für jede Ketzerei - fast jede: "Abchasien
und Georgien sind genauso verschieden wie Frankreich und Deutschland.
Immer wenn die beiden Länder vereint waren, gab es einen Genozid."
Obachija ist
eigentlich Archäologe. Im Kaukasus sind Historiker ständig mobilisiert.
Sie haben dem Streit zwischen Abchasen und Georgiern Worte und Gründe
gegeben. Sie haben scharfsinnig auf kulturelle Nuancen geachtet, haben
Abweichungen in den Trachten der Bergbauern herausgearbeitet und uraltes
Unrecht angezeigt. Die Debatte um die Ingoroqva-These, wonach die
Abchasen nie eine eigenständige Volksgruppe gewesen seien, hat
vermutlich mehr Blut fließen lassen als je ein Streit zwischen
Philologen.
"Die abchasische
Kultur ist die älteste auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion", so
beginnt eine fröstelnde Dame im Faltenrock ihre Führung durchs
Abchasische Nationalmuseum (ehemals: Abchasisches Museum). Sie zeigt auf
das Modell einer Siedlung der Bronzezeit: "Damals konnte man Abchasien
noch nicht von Georgien unterscheiden."
Während des
Unabhängigkeitskriegs 1992 hätten, sagt sie, georgische Milizen das
Museum gestürmt, den Direktor verprügelt und alle Teppiche eingepackt.
Eines der ersten Ziele im Bürgerkrieg sei das abchasische Nationalarchiv
gewesen.
So genießen
Historiker in Abchasien höheres Ansehen als viele Generäle. Wenn sie
nicht sowieso Generäle sind.
Abchasiens erster
Präsident, Wladislaw Ardsinba, war ein Experte für Keilschriften und die
toten Sprachen des Orients. Bis heute besteht die alte Führungsgarde
überwiegend aus hochgebildeten Männern, die ihr Leben damit verbracht
hatten, den Ursprung der abchasischen Sprache im vierten vorchristlichen
Jahrhundert und die Konturen des ersten abchasisch-kartwelischen
Königreichs zu erforschen.
Der Krieg hatte
ihre Bibliotheken, Keramikfunde und Habilitationsaufzeichnungen
zerstört. Alles war ihnen genommen. So wurden sie Politiker. Die
Historiker regierten ihren Forschungsgegenstand. Beziehungsweise das,
was von ihm noch übrig war.
Im Saal IX des
Museums hängt das Bild eines weißbärtigen, seine Pfeife rauchenden
Bauern: "Nikolai Schapkowski", sagt die Führerin ohne jede weitere
Erklärung. Das war jener angeblich 140-jährige Mann, von dem Henri
Barbusse 1929 berichtete und der das Treffen mit dem französischen
Dichter noch um zehn Jahre überleben sollte. Das Bild daneben sei der
"Chor der Hundertjährigen", sagt die Frau.
Nirgendwo werden
die Menschen älter als im Kaukasus. Sofern sie einander nicht vorher
umbringen.
Das Taxi ist ein
nach Benzin und "Wunderbaum" riechender Wolga. Am Rückspiegel baumeln
Boxhandschuhe, und alles vibriert unter armenischer Tanzmusik. "Druschba",
brüllt der Fahrer und dass er lieber Touristen aus Leipzig fahren würde
als Russen.
Aber die kommen
nicht. Ohne Fährverbindung in die Türkei und ohne Direktflüge nach
Europa ist Abchasien auf die Touristenbusse aus Sotschi angewiesen. Seit
die russische Wirtschaftsblockade gelockert ist, seit sich die
russischen Touristen wieder an die Sandstrände von Suchumi und Picunda
legen dürfen, erwacht die Wirtschaft aus dem Koma. Exil-Abchasen kommen
aus Moskau, Istanbul, Damaskus zurück und stecken ihr Geld in Kurhotels
und Restaurants.
Im Mai erst
unterzeichneten Abchasiens Wirtschaftsministerin und der russische
Ölkonzern Rosneft eine Rahmenvereinbarung über die Ausbeutung der
Schwarzmeerreserven an Öl und Gas. Bei seinem Besuch am 12. August hat
Putin die Modernisierung der Grenz- und Militäranlagen versprochen, für
354 Millionen Euro. Den Georgiern sei einfach nicht zu trauen, sagte der
Premier.
Und seit
Präsident Bagapsch ankündigte, russische Firmen sollten Abchasiens
zerstörtes Eisenbahnnetz managen und den Flughafen ausbauen, protestiert
die Opposition gegen den Ausverkauf des nationalen Erbes. In den zwölf
Monaten seit der Anerkennung hat sich die Russophilie doch sehr gelegt.
"Die wollen uns auffressen", ist inzwischen die gängige Einschätzung.
Überall gibt es russische Zeitungen, und über einigen Tankstellen weht
nur noch die russische Flagge.
Die
Immobilienpreise haben sich bereits verdoppelt. Usbekische
Wanderarbeiter hämmern an den Dachstühlen, während die Söhne der
Kriegshelden in ihren BMW die Küstenstraße rauf- und runterjagen.
Der abchasische
Mobilfunkanbieter Aquafon hat 100 000 Kunden, und es gibt noch einen
zweiten. Der Strom kommt vom Inguri-Stausee in den Bergen. Das Kraftwerk
wird von Georgiern und Abchasen gemeinsam betrieben. Auch während des
Krieges kam niemand auf die Idee, daran etwas zu ändern.
Das
Wunderbaum-Taxi hält vor dem ehemaligen Sanatorium des sowjetischen
Komponistenverbands. Hier trainiert gerade das abchasische Heer für den
Häuserkampf. Die Rekruten werfen sich zwischen die Rabatten, nehmen
Deckung hinter Palmen und versuchen, dabei ein ernstes Gesicht zu
machen.
"Wir arbeiten an
einem Abkommen zur Militärkooperation. In Zukunft wird es so sein: Wer
Abchasien angreift, greift Russland an." Sagt Garri Kupalba. Er ist
Mathematiklehrer, Generalmajor und stellvertretender
Verteidigungsminister. Die russischen "Friedenstruppen" haben sich im
Oktober 2008 in die Kasernen zurückgezogen. Mehrere tausend russische
Soldaten sind weiterhin in Abchasien stationiert.
Die abchasischen
Streitkräfte dagegen bestehen, sagt Kupalba, im Wesentlichen aus 120
tschechischen Panzern, einem erbeuteten LAR-160-Raketenwerfer
israelischer Produktion und 5000 Soldaten. Exil-Abchasen hätten ein paar
Schnellschlauchboote mit MG-Aufsatz gespendet für den Aufbau der
Schwarzmeerflotte Abchasiens.
"Es ist doch so:
Die Georgier wollten uns mit Gewalt umbringen, die Russen mit
Süßigkeiten. Da ist doch klar, wofür wir uns entscheiden, oder?", sagt
Hibla, eine Studentin an der Universität von Suchumi - "Suchum. Ohne i",
sagt sie. Vor ihr liegt das Schwarze Meer, unbeweglich wie ein kalter
Teich.
"Wir wissen, dass
wir in einer globalisierten Welt leben. Wir wollen keine Sowjetmenschen
mehr im Parlament, sondern junge, gebildete Leute, die etwas von
internationalen Beziehungen verstehen. Wieso nehmt ihr uns nicht ernst?"
Hinter ihr, vorm
Riva-Hotel, sitzen murmelnd die Alten und schwenken ihre Zigaretten im
milchigen Licht. Dahinter wiederum die Gipfel des Kaukasus, wo irgendwo
Europa versickert. Bis dorthin kamen 1942 die deutschen Truppen - und
nicht weiter.
Hibla gehört noch
zu Europa. Mit ihren 20 Jahren hat sie bereits Politik studiert, ein
halbes Jahr in den USA gelebt, arbeitet nebenbei bei einer NGO für
Jungunternehmerinnen und will Diplomatin werden. "Und dann
Außenministerin", sagt sie. Das meint sie ernst.
Hier am Ufer hat
Suchumi mehr von Baden-Baden als von Bagdad.
Auf der
demolierten Seebrücke wird Sushi angeboten, ein russisches Pärchen
schlendert die Promenade entlang, zu groß, zu breit, zu grell gekleidet.
Vielleicht werden die Russen eines Tages die ugly Americans Abchasiens.
Hibla schaut
ihnen nach und sagt: "Russen verstehen übrigens kein Wort von dem, was
wir reden. Unter anderem haben wir sieben verschiedene k-Laute", sagt
Hibla, die künftige Außenministerin. Und beginnt eine Reihe
komplizierter Übungen im hinteren Rachenraum.
Für
Völkerrechtler mag die Republik Abchasien eine Einbildung sein. Eine
Autosuggestion. Aber doch so gut gespielt, dass zwischen Realität und
Fiktion kaum mehr zu unterscheiden ist. Nichts wirkt heute so unwirklich
wie der Status dieses Landes als georgische Provinz.
Und nichts so
real wie der Ernst eines 20-jährigen Mädchens, das am Ufer des Schwarzen
Meeres steht und gymnastische Übungen mit dem Gaumensegel macht: "Hören
Sie es?"
DER SPIEGEL
35/2009 vom 24.08.2009, Seite 50
***
Georgien: Ein zerrissenes Land
Matthias Braun
08.08.2009
Georgien hat im Krieg gegen Russland zwei Provinzen verloren – und sein
politisches Gleichgewicht
Sosar Subari vertraut nicht auf die Wirkung seiner Worte. Er lässt Bilder
sprechen. "Schauen Sie", sagt er. Subari klappt einen Laptop auf. Auf dem
Bildschirm startet ein Film. Eine Szene in Schwarzweiß entfaltet sich,
aufgenommen von der Überwachungskamera einer Bank in der georgischen Hauptstadt
Tiflis.
Ein Auto fährt von links ins Bild. Ein zweites folgt, schert
vor dem ersten ein, zwingt es anzuhalten. Drei maskierte Männer springen heraus.
Einer reißt die rechte Hintertür des ersten Wagens auf. Zwei ziehen einen Mann
heraus. Dann schlagen sie zu. Fäuste treffen das Opfer. Wenige Minuten später
springen die Schläger zurück ins Auto und rasen davon. Das Opfer bleibt liegen.
Subari hat ein halbes Dutzend solcher Filme auf der Festplatte
des Laptops gespeichert. Die Szenen ähneln sich. Die Schläger kommen nachts. Sie
prügeln ohne Gnade. Wer sie sind, weiß Subari nicht. Die Opfer jedoch kennt er.
Sie gehören zur Opposition gegen Micheil Saakaschwili. Und genau dieser
Saakaschwili, Präsident Georgiens, trägt laut Subari die Verantwortung für die
brutalen Überfälle. "Alle Entscheidungen werden von einer Person getroffen",
sagt er. Es gebe in Georgien keine politische Kontrolle mehr, kein
Gleichgewicht.
Sosar Subari erhebt seine Anklage im kargen Büro eines
schattigen Tifliser Stadthauses mit Vorgarten. Hier residierte, als die
Bolschewiken im Kaukasus das Sagen hatten, Stalins Kettenhund Lawrenti Berija.
Sosar Subari ist Georgiens Ombudsmann für Menschenrechte. Er wird vom Staat
bezahlt, um die Bevölkerung vor dem Staat zu schützen. Zurzeit hat er viel zu
tun.
Der Menschenrechtler Subari liefert eine passende Beschreibung
seines Landes im ersten Jahr nach dem Krieg: Georgien hat sein Gleichgewicht
verloren. Der fünftägige Waffengang gegen den überlegenen russischen Nachbarn,
der die Welt im vergangenen August schockte, hat die Kaukasusrepublik zerrissen.
Heute stehen russische Panzer auf georgischem Gebiet und
werden sobald nicht verschwinden. Im Schutz der Russen streben die Provinzen
Abchasien und Südossetien in die Unabhängigkeit. Beinahe jeder zehnte Georgier
hat seine Heimat verloren. Die Regierung lässt die politische Opposition
verprügeln und bespitzeln. Die politische Opposition wiederum streitet
untereinander. Allein die Wirtschaft hält sich aufrecht – dank westlicher
Hilfen.
"Abchasien ist unser Jerusalem"
Lascha Schwanija lässt die Kritik nicht gelten. Der smarte
Politiker gehört zum engen Zirkel um Saakaschwili. Er hat, wie fast alle
Vertrauten des Präsidenten, früh Karriere gemacht. Der gelernte Jurist, Jahrgang
1973, dient derzeit als Minister für wirtschaftliche Entwicklung. Bereits im
Jahr nach der Rosenrevolution, die 2003 den korrupten Eduard Schewardnadse
hinwegfegte, war er zum zweiten Mann im Außenministerium aufgestiegen. Später
ging er als Botschafter nach Israel.
Aus dem Nahen Osten hat er einen Satz mitgebracht, mit dem er
die Politik seines Präsidenten erklärt. "Abchasien ist unser Jerusalem", sagt
Schwanija. Das soll heißen: Die internationale Gemeinschaft muss Georgiens
Konflikt mit Russland ebenso ernst nehmen wie den Nahost-Konflikt. Und: Eine
Zwei-Staaten-Lösung ist ausgeschlossen. "Abchasien war immer georgisches Gebiet
und wird es immer sein", sagt der Minister.
Schwanija hat ins feine Hotel "Marriott" geladen. Wenige
Schritte entfernt standen bis vor kurzem improvisierte Käfige, die den Protest
der georgische Opposition gegen die Regierung symbolisierten. Die Zahl der
Demonstranten schwand. Die Opposition ist zerstritten. Schwanija bestellt
Espresso, den er kalt werden lässt. Er nippt gelegentlich am Wasserglas. Der
Minister redet schnell. Er mag kurze Sätze, die hängen bleiben.
Hat das Land sich von Russland leichtfertig in einen Krieg
treiben lassen? "Wie auch immer es dazu kam, wir haben nur unsere territoriale
Integrität verteidigt", sagt Schwanija. Demontiert der Präsident die georgische
Demokratie? "Micheil Saakaschwili ist ein guter Führer, der sich immer berät",
lautet die Antwort. Hat der Fünf-Tage-Krieg Georgien an den Tropf
internationaler Spender gebracht? "Politische Unsicherheit schadet ausländischen
Investitionen mehr als ein Krieg", sagt er. Der Minister gibt sich selbstgewiss.
Auf dem Weg zu einem autoritären Regime
Eine halbe Autostunde entfernt vom kühlen Foyer des "Marriott",
im hügeligen Stadtteil Saburtalo, sieht Irakli Alassanija die Dinge etwas
anders. Alassanija ist der prominenteste Vertreter der Opposition neben der
unverwüstlichen Nino Burdschanadse.
Er hat eine ähnliche Karriere hinter sich wie Schwanija. Auch
Alassanija ist Mitte Dreißig. Auch er studierte Jura. Auch er profitierte von
der Rosenrevolution. Saakaschwili kürte ihn zunächst zum Oberhaupt der
abchasischen Exilregierung. Später schickte der Präsident ihn als UN-Botschafter
nach New York. Der Krieg aber trieb den Sohn eines georgischen Generals in die
Opposition.
Alassanija empfängt Besucher im neuen Hauptquartier seines
Oppositionsbündnisses "Allianz für Georgien". Ein großformatiges Fenster gewährt
einen weiten Blick über Tiflis. In der Ferne leuchtet die Kuppel der
Sameba-Kathedrale, die seit 2004 vom religiösen Erwachen Georgiens kündet. Die
"Allianz" sammelt vor allem konservative Politiker.
"Der Versuch, Zchinwali einzunehmen, war ein Fehler",
kommentiert Alassanija den Beschuss der südossetischen Stadt. Die Regierung habe
ihre militärischen Möglichkeiten überschätzt. Saakaschwili sei eben ein
"politischer Spieler". Unter seiner Führung sei dreizehn Mal die Verfassung
ergänzt worden – immer mit dem Ziel, die politischen Freiheiten einzuschränken.
"Saakaschwili beschreitet den Weg zu einem autoritären Regime", sagt Alassanija.
Irakli Alassanija könnte, anders als die umstrittene Nino
Burdschanadse, eine langfristige Alternative zu Saakaschwili bieten. Er kann
Kompromisse schließen. Und er übt sich in zurückhaltender Rhetorik.
Vorerst jedoch bleibt Saakaschwili der starke Mann. Der
amerikanische Vizepräsident, Joseph Biden, stärkte dem Präsidenten bei seinem
Besuch im Juli den Rücken. Der versammelten Opposition hingegen teilte Biden
mit, dass Amerika sich nicht in die georgische Innenpolitik einmischen werde.
08.08.2009 TELEPOLIS
***
Der Georgien-Krieg und seine Folgen
Der Georgien-Krieg im vergangenen August brachte
Ost und West an den Rand eines neuen Kalten Krieges. Nun nähern sich Russland
und der Westen wieder vorsichtig einander an. Doch gelöst ist der Konflikt noch
lange nicht.
Vor einem Jahr, in der Nacht vom 7. auf den 8.
August 2008, griff georgisches Militär Zchinvali, die Hauptstadt der
abtrünnigen Region Südossetien, an. Maria Kotajeva, eine junge Lehrerin, war
mit ihrer 86-jährigen Großmutter allein zu Hause. "Ungefähr um halb zwölf
hörten wir die ersten gewaltigen Explosionen. Wir sind in den Keller unserer
Nachbarn hinüber gekrochen. Über uns brannte das Dach, und rundum brannten
die Häuser." Bei den Angriffen kamen, russischen Angaben zufolge, 133
Zivilisten ums Leben.
Russische Truppen kamen den Südosseten zu Hilfe
und drangen in Richtung der georgischen Hauptstadt Tiflis vor. Die russische
Luftwaffe bombardierte georgisches Kerngebiet, darunter die Stadt Gori in der
Nähe Südossetiens. Die Georgierin Tsitso Kuschaschwili saß mit den Nachbarn bei
einem Schwatz vor der Tür, als die Russen angriffen. "Die erste Bombe traf einen
Mann und eine Frau. Die beiden waren gleich tot." Die anderen liefen
auseinander. "Meine Tochter rannte mit meinem Enkel vom Haus weg, ich suchte im
Haus Schutz. Mir ist nichts passiert. Meine Tochter starb sofort."
Nach Angaben eines georgischen
Regierungsvertreters kamen bei den Angriffen der Russen auf georgischer Seite 69
Zivilisten ums Leben. Etwa 25.000 Georgier wurden dauerhaft aus Südossetien
vertrieben. Tsitso Kuschaschwili spricht aus, was viele Georgier denken: "Wir
haben hier alle zusammengelebt, Osseten, Russen, Georgier. Wie konnte es nur so
weit kommen?"
Georgier und Russen schieben sich gegenseitig die
Schuld in die Schuhe. Russland steht auf dem Standpunkt, es habe eingreifen
müssen, um Menschenleben zu retten. So meinte zum Beispiel der russische
Außenpolitiker Konstantin Kosatschow im Frühjahr in der Parlamentarischen
Versammlung des Europarates, in der Georgien und Russland vertreten sind: "Als
Georgien im Januar 1999 dem Europarat beitrat, hat es sich verpflichtet, die
Konflikte in Südossetien und Abchasien friedlich zu lösen." Diese
Selbstverpflichtung habe Georgien in der Nacht auf den 8. August 2008 gebrochen.
Hätte Russland nicht eingegriffen, wären tausende Zivilisten in Südossetien ums
Leben gekommen, so Kosatschow.
Die Georgier stellen das Geschehen ganz anders
dar. Sie sagen, Georgien habe sich gegen eine russische Aggression verteidigen
müssen. Es habe Zchinvali erst bombardiert, nachdem russische Panzer bereits von
Russland aus auf südossetisches Gebiet vorgedrungen seien. Russland habe in
Georgien einmarschieren wollen, um die westlich orientierte Regierung in Tiflis
zu stürzen und zu verhindern, dass Georgien Nato-Mitglied wird. Das alles habe
Russland von langer Hand geplant, betont Temur Jakobaschwili, Minister Georgiens
für die Wiedereingliederung der abtrünnigen Gebiete. "Der Augustkrieg war
lediglich die Fortsetzung der russischen Politik, die seit Georgiens
Unabhängigkeit Anfang der 90er Jahre eindeutig darauf aus ist, unsere
Souveränität zu untergraben", sagt er.
Kommission der EU prüft Schuldfrage
Tatsächlich hat Russlands Führung mehrfach
gewarnt, dass sie es nicht toleriere, wenn Georgien Nato-Mitglied werde. Denn
das widerspreche russischen Sicherheitsinteressen. Die Nato ignorierte diese
Warnungen aus Moskau. George W. Bush trieb als Präsident der USA die
Konfrontation mit dem Kreml auf die Spitze. Die Bush-Administration unterstützte
den georgischen Präsidenten Saakaschwili nahezu bedingungslos.
Um herauszubekommen, wer wirklich mit dem Krieg
angefangen hat, hat die Europäische Union eine Kommission eingesetzt. Ende
September will sie ein Ergebnis präsentieren - zwei Monate später als
ursprünglich geplant; zu unübersichtlich sei die Lage. Das deutsche
Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete vorab, die Kommission komme zu dem
Ergebnis, dass die Georgier den Krieg begonnen hätten.
Trotzdem steht die Mehrheit der Staaten, darunter
die Europäische Union, nach dem Krieg auf georgischer Seite. Vor allem
kritisiert sie, dass Russland die beiden abtrünnigen georgischen Republiken,
Südossetien und Abchasien, als unabhängige Staaten anerkannt hat. In der EU
macht sich besonders Polen für Georgien stark. Przemyslaw Grudzinski,
Staatsminister im polnischen Außenministerium, versichert: "Wir werden Abchasien
und Südossetien niemals als souveräne Staaten anerkennen."
Nur teilweiser Abzug der Russen
Ferner hat Russland nach dem Krieg mehrfach
Absprachen gebrochen. Der russische und der georgische Präsident hatten im
August vereinbart, dass beide Seiten ihre Truppen auf die Positionen vor
Kriegsausbruch zurückziehen. Russland zog seine Truppen aber lediglich auf
südossetisches und abchasisches Gebiet zurück, und nicht, wie besprochen, hinter
die Grenze zurück nach Russland. Im Herbst hatte Russland weiterhin
eingewilligt, EU-Beobachter in die Region zu lassen. Denen verwehrt es aber bis
heute den Zutritt zu Südossetien und Abchasien.
Georgien seinerseits hält auch nach dem Krieg an
seinen Plänen für eine Mitgliedschaft in der Nato fest. Und auch die Staats- und
Regierungschefs der Nato bleiben bei ihrer prinzipiellen Zusage, Georgien
irgendwann aufnehmen zu wollen. Jamie Shea, Berater im Büro des
Nato-Generalsekretärs, beteuert: "Wir haben unsere Position seit dem vergangenen
August nicht geändert." Der Grund für die Konfrontation mit Russland bleibt
somit bestehen. Noch kurz vor dem Jahrestag des Kriegsbeginns warfen sich
Südosseten, Georgier und Russen gegenseitig Provokationen vor. Entspannung ist
nicht in Sicht.
Autorin: Gesine Dornblüth, Redaktion: Andreas
Ziemons
07.08.2009 DEUTSCHE WELLE
***
Südossetien-Konflikt kocht ein Jahr nach dem Krieg
wieder hoch
Zchinwali/Tiflis, Ein Jahr nach dem
Georgien-Krieg nehmen die Spannungen im Nordkaukasus wieder zu.
Die von Georgien abtrünnige Exklave Südossetien
warf der georgischen Armee am Samstag vor, Granaten auf einen ihrer
Beobachtungsposten abgefeuert zu haben. Russland warnte die Regierung in Tiflis
vor einem Militäreinsatz, falls das Leben von Zivilisten auf dem Spiel stünde.
Georgien wies die südossetischen Anschuldigungen zurück und unterstellte der
Führung in Moskau "aggressive Absichten". "Die internationale Gemeinschaft
sollte Russland daran hindern, sich zum Gespött zu machen", sagte
Innenamtssprecher Schota Utiaschwili. Experten sind besorgt, dass die
Plänkeleien in neue Gewalt umschlagen könnten.
"Ich will keinen Krieg und ich möchte noch nicht
einmal über Krieg nachdenken", sagte der Präsident der international nicht
anerkannten Region, Eduard Kokoity, in einem Reuters-Interview. Seine
Hauptaufgabe sei es, Stabilität in der Region zu schaffen. Den Anschluss an
Russland schloss er zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus. "Die Menschen in
Südossetien wollen mit Russland vereinigt sein", sagte der 44-Jährige weiter.
Zugleich forderte der frühere Ringer die Regierung in Moskau auf, mehr Soldaten
und Waffen nach Südossetien zu entsenden. 89 Prozent der Einwohner Südossetiens
haben einen russischen Pass. Die Verkehrssprache ist russisch und bezahlt wird
mit dem Rubel.
Nach monatelangen Spannungen hatte Georgien das
nach Unabhängigkeit strebende Südossetien vor fast genau einem Jahr in der Nacht
auf den 8. August angegriffen. Russische Truppen rückten daraufhin in Georgien
ein, zogen sich aber nach wenigen Tagen zurück. Die Regierung in Moskau erkannte
die Enklave anschließend als unabhängigen Staat an, was der Westen verurteilte.
Bis auf Nicaragua sieht der Rest der Welt die Region als rechtmäßiges Gebiet
Georgiens an.
01.08.2009 Reuters
***
EU-Beobachter im georgischen Grenzgebiet
Das 50-Prozent-Dilemma
Die EU-Beobachter bleiben ein weiteres
Jahr im Grenzgebiet zu Georgien. Die Europäische Union verlängerte die
Mission der 360 Männer und Frauen. Doch es bleibt eine halbe Mission -
gegen den Willen Russlands ist nichts auszurichten. Die Lage in
Georgien hat sich nach Ende des Krieges zwischen Georgien und Russland
inzwischen stabilisiert.
Von Silvia Stöber, tagesschau.de
"Neben der Roki-Brücke auf der anderen
Seite des Flusses stehen weiße Zelte. Das ist ein Camp der russischen
Grenzschützer", erklärt Manfred Meyer. Er ist Leiter des
EU-Beobachterbüros in Zugdidi, das für die Grenzregion zwischen
Georgien und Abchasien zuständig ist. Einige hundert Meter entfernt
von Meyer fließt zwischen üppigem Grün der Grenzfluss Enguri.
Die Roki-Brücke führt von der
georgischen auf die abchasische Seite. Doch für die EU-Beobachter ist
auf der Mitte der Brücke Schluss. Weiter dürfen sie nicht. Wie viele
Russen in dem Ende Mai errichteten Camp auf abchasischer Seite
stationiert sind, können die EU-Beobachter nur schätzen. Ob
professionelle Grenzschützer des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB
oder die weniger disziplinierten, oftmals angetrunkenen abchasischen
Milizen den Übergang kontrollieren, lassen sich die EU-Beobachter von
den Georgiern erzählen, die für kurze Zeit zu ihren Verwandten und
Häusern auf der anderen Seite gehen.
Russland verweigert den Zutritt
Meyer nennt es das "50-Prozent-Dilemma":
Zwar haben die EU-Beobachter laut Sechs-Punkte-Friedensabkommen vom
vergangenen Jahr das Mandat, auch die von Georgien abtrünnigen Gebiete
Abchasien und Südossetien zu kontrollieren. Doch verweigerten die
Russen und die Führungen beider Gebiete den EU-Beobachtern von
Anbeginn den Zutritt. So bleibt ihnen nur die Möglichkeit, das
Grenzgebiet auf georgischer Seite zu kontrollieren, um neuerliche
Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien zu verhindern.
Provokationen vermeiden
Die Georgier zeigen sich kooperativ: Sie
willigten in eine zusätzliche Vereinbarung ein, in unmittelbarer Nähe
der Grenzlinien zu Abchasien und Südossetien nur ein Bataillon und
fünf Geschütze zu stationieren. Nach Aussage von EU-Missionschef
Hansjörg Haber halten sie dies auch ein. "Damit ist sichergestellt,
dass von georgischer Seite keine Provokationen ausgehen, auf die die
andere Seite mit einem Einsatz an der administrativen Grenzlinie
reagieren könnte", erläutert der deutsche Diplomat. So werde indirekt
auch auf der anderen Seite für eine Stabilisierung gesorgt.
Kontakt nur per Telefon
Inzwischen gelang es den EU-Beobachtern,
Kontakt zur anderen Seite herzustellen. Sowohl mit abchasischen
Milizionären als auch mit russischen Offizieren gab es Treffen,
Telefonnummern wurden ausgetauscht. Nun können die EU-Beobachter bei
Zwischenfällen die Informationen von beiden Seiten abgleichen. Darüber
seien einige Georgier nicht so glücklich, sagt Meyer. Denn der Kontakt
zur anderen Seite ergibt mitunter ein anderes Bild als von den
Georgiern dargestellt.

[Bildunterschrift: Der Leiter des EU-Beobachterbüros, Manfred
Meyer beschreibt die Lage an der Grenzlinie zu Abchasien.
]
Wirklich problematisch ist jedoch, dass
es in einigen wesentlichen Punkten des Friedensabkommens keine
Bewegung gibt: Die Georgier, die während des Krieges aus Südossetien
und Abchasien flüchten mussten, können nicht zurück. Vor allem die
georgischen Dörfer um das südossetische Zchinwali sind zerstört. Hinzu
kommt, dass Russland nicht nur mehr Truppen in Abchasien und
Südossetien als vor dem Krieg stationiert hat, sondern auch einige
Gebiete zusätzlich kontrolliert. Dazu gehört das Achalgori-Tal, das
keine 50 Kilometer nördlich von Georgiens Hauptstadt Tiflis liegt.
Machtlos gegenüber Russland
Als Provokation wurde es in Tiflis
empfunden, dass Russlands Präsident Dimitri Medwedjew kürzlich einen
Besuch in Zchinwali abstattete. Machtlos mussten die Georgier auch mit
ansehen, wie die Regierung in Moskau im April mit den beiden
abtrünnigen Gebieten Abkommen über deren militärischen Schutz
abschloss. Inbegriffen sind neben der Grenzüberwachung auch Manöver
der russischen Truppen. Russland erklärte dies für legitim, da es
beide Gebiete nach dem Krieg als unabhängig anerkannt hat - bislang
allerdings als einziges Land neben Nicaragua.
Vor dem Hintergrund des Streits um den
Status Abchasiens und Südossetiens sorgte Russland auch dafür, dass
die Mandate für die
Missionen der UNO und der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit (OSZE) für die Konfliktgebiete nicht verlängert wurden.
So steht die EU-Mission nun allein mit der Verantwortung da und muss
sich wohl - anders als zunächst erwartet - auf längere Zeit in
Georgien einrichten.
EUMM (European Union Monitoring
Mission):
Die
EU-Mission in Georgien hat am 1. Oktober 2008 mit mehr als 200
unbewaffneten Beobachtern ihre Arbeit aufgenommen. Mittlerweile sind
340 Mitarbeiter im Einsatz. Sie überwacht die Umsetzung der am 12.
August und 8. September von der EU vermittelten Vereinbarungen
zwischen Russland und Georgien. Dazu zählen Truppenrückzug, Rückkehr
von Flüchtlingen und die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung.
Das Einsatzgebiet umfasst auch die Pufferzonen um Südossetien und
Abchasien, nicht jedoch die abtrünnigen Gebiete selbst. Deutschland
stellt 45 Mitarbeiter. Die Mission, an der 26 EU-Länder teilnehmen,
wurde zunächst für ein Jahr beschlossen und hat ein Budget von 35
Millionen Euro.
Gezielter Anschlag auf die Mission
Die georgische Regierung zeigt sich
einerseits froh, dass die EU im Land ist. Andererseits wird
bezweifelt, dass deren unbewaffneten Beobachter einen wirksamen Schutz
gegen die Russen bieten, die in den abtrünnigen Gebieten schalten und
walten, wie sie wollen.
Dass der Einsatz der EU-Beobachter in
Georgien riskant ist, zeigt ein Ereignis Mitte Juni: Bei einer
Patrouillenfahrt an der abchasischen Grenze wurde ein ungepanzertes
Sanitätsfahrzeug von einer Mine getroffen. Ein georgischer Fahrer
starb. Auch wenn die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, so
geht EU-Missionschef Haber davon aus, dass es sich eindeutig um eine
Attacke auf die Beobachter handelte.
Kommunikationskanäle offen halten
Seit Beginn der Patrouillen im
Oktober 2008 wurden in der Grenzregion sieben georgische Polizisten
getötet, aber nur zwei davon in diesem Jahr. Bilanzierend sagt Haber:
"Wir sind auf dem Weg, den Konflikt wieder einzufrieren" - nur um
seine Wortwahl sofort wieder zu relativieren: Dies sei doch ein
unpassender Ausdruck, da "eingefrorene Konflikte" erneut eskalieren
könnten. Die EU-Beobachter verwendeten deshalb viel Energie darauf,
die Kommunikationskanäle zwischen den Konfliktparteien offen zu halten
- auch wenn dies sehr mühsam ist.
27.07.2009
Tagesschau.de
***
Georgiens Oppositionspolitiker:
Einigung zwischen Tiflis und Moskau unvermeidlich - "Kommersant"
Moskau,
Zu einer Wiederherstellung normaler Beziehungen zwischen Russland und Georgien
gibt es keine Alternative. Diese Meinung äußerte Irakli Alassania, ehemaliger
UN-Botschafter Georgiens und heute einer der Spitzenvertreter der georgischen
Opposition, in einem am Mittwoch in der Tageszeitung "Kommersant"
veröffentlichten Interview.
Bei gutem politischem Willen könnten sich Moskau
und Tiflis "über vieles einigen", sagte er. Dabei sollte Russland im Streben
Georgiens in die Nato und in europäische Strukturen keine Bedrohung für seine
Sicherheit sehen.
Alassania, Chef der Partei "Unser Georgien - Freie
Demokraten" und einer der wahrscheinlichen künftigen Präsidentschaftskandidaten,
ist zuversichtlich, dass sich die Beziehungen zwischen Russland und Georgien in
Zukunft "normal" entwickeln werden. "Einen anderen Weg gibt es nicht", sagte er.
"Wir sind Nachbarn, und in Zukunft werden sich unsere Völker dafür aussprechen."
Zugleich betonte er, dass eine Integration
Georgiens in die Nato und die europäischen Strukturen den absoluten Vorrang in
der Außenpolitik hat. Dies sollte Moskau allerdings nicht beunruhigen. Der
Prozess der Integration würde helfen, Georgien zu einem stabilen Staat zu
machen. "Ein stabiles Georgien müsste im Interesse Russlands sein", meinte er.
Der Prozess der Integration in die Nato sei für
Georgien "viel wichtiger als der Fakt eines Beitritts zur Allianz", betonte
Alassania. Dieser Prozess helfe Georgien, seine Sicherheits- und
Verteidigungsstrukturen zu entwickeln.
Auf den Konflikt im August 2008 eingehend, stellte
der Politiker fest, dass das Handeln der georgischen Seite in diesem Konflikt
nicht adäquat war. "Wir hätten wissen müssen, welche Folgen die militärische
Präsenz haben könnte, die Russland damals im Nordkaukasus hatte. Diese Kräfte
hatten dort trainiert, um den eigenen Friedenskräften in Zchinwali zu helfen.
Saakaschwili hatte in jenen Tagen viele Fehler begangen. Er hat die militärische
Präsenz Russland im Nordkaukasus unterschätzt. Und natürlich hat er den Einfluss
des Westens und der USA auf die Politik der russischen Spitzenpolitiker
überschätzt."
Mit dem Entsenden der Truppen nach Südossetien
hatte sich Präsident Saakaschwili lediglich von der russischen Seite provozieren
lassen, was kategorisch unzulässig war, betonte Alassania.
"Wir hätten alles dafür tun müssen, um die
internationale Präsenz, die dort vorhanden war, in den Prozess der Vorbeugung
des Konflikts vom Beginn dessen Eskalation an einzubeziehen", meinte er.
Zugleich äußerte Alassania die Überzeugung, dass
die internationale Völkergemeinschaft die Unabhängigkeit Südossetiens und
Abchasiens nicht anerkennen wird. "Die Anerkennung der Unabhängigkeit von
Zchinwali und Abchasien war meines Erachtens ein schwerer Fehler der russischen
Diplomatie."
Ein militärischer Weg der Lösung dieses Problems
ist für den georgischen Staat unzulässig. "All diese Fragen werden wir
ausschließlich mit friedlichen Mitteln regeln", betonte er. Einer der Wege dazu
wäre die Wiederaufnahme eines direkten Dialogs mit den Abchasen und den Osseten.
"Wir sollten uns in erster Linie nicht auf die
politischen Probleme und nicht auf den Status dieser Regionen konzentrieren,
sondern die Beziehungen zwischen den Völkern wiederherstellen", sagte er. "Das
ließe sich mit Hilfe von gemeinsamen wirtschaftlichen, kulturellen und sonstigen
Projekten machen, die von europäischen Strukturen finanziert werden. Der Weg zur
Regelung ist weit, ich bin aber sicher, dass wir am Ende dieses Weges ein
Einvernehmen mit den Abchasen und den Osseten darüber erreichen werden, wie wir
unsere gemeinsame Staatlichkeit gestalten könnten."
22.07.2009 RIA Novosti
***
Scheiden tut not
Die Vereinten
Nationen werden ihre UN-Beobachter-Mission in Georgien (UNOMIG) aufgeben müssen.
Russland hat im Sicherheitsrat sein Veto eine Verlängerung eingelegt
Mit der
territorialen Integrität Georgiens steht es nicht zum Besten. Sie wird zum
Auslaufmodell, was künftig die UNO aus einem größeren Abstand als bisher
verfolgen darf. Russland hat in dieser Woche ein erneutes Mandat für die United
Nations Observer Mission in Georgia (UNOMIG) mit seinem Veto im Sicherheitsrat
blockiert. Die zuletzt noch 134 Militärs, die entlang der Waffenstillstandslinie
der Sezessionskriege aus den frühen Neunzigern patrouillierten, werden wohl
gehen müssen. Zur Erinnerung: 199o beziehungsweise 1992 hatten sich Südossetien
und Abchasien aus dem georgischen Staat verabschiedet. Wie sich zeigen sollte,
ein Abgang ohne Wiederkehr. Wofür besonders der georgische Präsident
Saakaschwili sorgte, als er seine Armee im August 2008 das südossetische
Zchinwali kurzzeitig zurückerobern und verwüsten ließ. Dem Gegenschlag der
russischen Schutzmacht konnte er wenig bis nichts entgegensetzen. Danach
erkannte Moskau die abtrünnigen Republiken als souveräne Staaten an. Nicht zum
Vorteil der russisch-georgischen Beziehungen, schon gar nicht zum Ruhme des
Völkerrechts. Doch das fand sich im Februar 2008 mit der einseitigen
Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ohnehin zum Anachronismus degradiert.
Im Kaukasus
wetteifern nun Realität und Recht miteinander. Erstere hat in Russland einen
Anwalt und in den Südossetien und Abchasien eine Gefolgschaft, die UNOMIG nur
dann erhalten will, sollte ein neues Mandat ohne Begriffe wie territoriale
Integrität oder Mission in Georgien auskommen. Im Klartext: Die Macht der Fakten
gegen die Ohnmacht des Rechts. Da kann die UNO ihren Hut nehmen oder noch einmal
in den georgischen Ring werfen, indem sie eine neutrale Sprache findet, wie das
ihr Generalsekretär in seinem Georgien-Report vom Mai vorgeführt hat. Das Veto
aus Tiflis kam prompt und gilt wie das aus Moskau.
19.06.2009 der Freitag
***
Blauhelm-Schwund im Kaukasus
Am 15. Juni läuft das UN-Mandat für Georgien aus.
Um weiter eine Rolle in der Region zu spielen, müsste sich die Weltorganisation
im Kaukasus-Konflikt neutral verhalten.
Der
Kaukasus-Krieg im August 2008 und die kurz darauf folgende staatliche
Anerkennung Südossetiens und Abchasiens durch Russland haben das internationale
Management der dortigen Konflikt schwer erschüttert. So musste etwa die OSZE
ihre Mission in Südossetien einstellen, während die EU eine vollkommen neue, die
European Union Monitoring Mission (EUMM) nach Georgien entsandte.
Diese Zäsur ließ auch die Vereinten Nationen nicht unberührt. Sie waren seit
1993 mit der United Nation Observer Mission in Georgia (UNOMIG) zentraler Akteur
bei dem Versuch, den georgisch-abchasischen Konflikt einzudämmen. Seit dem
militärischen Schlagabtausch vor knapp einem Jahr ist dieses Mandat lediglich
technisch verlängert worden – am 15. Juni 2009 nun ist diese Gnadenfrist
abgelaufen, eine nochmalige Verlängerung scheint möglich, ist aber alles andere
als sicher.
Politik des leeren
Stuhls
Seit Russland nach dem militärischen
Ausfallschritt des Präsidenten Saakaschwili mehr denn je seine schützende Hand
über die Sezessionsgebiete Südossetien und Abchasien hält, dürfte der
UN-Sicherheitsrat in der Frage der territorialen Integrität Georgiens auf
Jahrzehnte blockiert sein. Die abchasische Regierung sagt ohne Umschweife, eine
künftige UN-Mission, deren Mandat auch ihr Territorium einschließe, dürfe nicht
mehr als „Mission in Georgien“ firmieren. Demgegenüber insistiert die Regierung
in Tiflis, die Zugehörigkeit Abchasiens zu Georgien müsse in irgendeiner Form
zum Ausdruck gebracht werden.
In seinem letzten Georgien-Report vom 18. Mai 2009
hatte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zu einer „neutralen“ Sprache gefunden, die
bislang übliche Formulierungen aussparte und auf harsche Kritik in Tiflis stieß.
Wie entschieden die Konfliktparteien um den
Georgien-Kurs der UNO ringen, offenbaren die Umstände, unter denen der bewusste
Bericht veröffentlicht wurde. So zogen die Abchasen ihre Teilnahme an den Genfer
Verhandlungen zurück, als das Dokument nicht wie angekündigt am 15. Mai 2009
vorlag. Als die neue Gesprächsrunde am 18. Mai 2009 eröffnet werden sollten,
verließen daraufhin auch die südossetischen und russischen Gesandten den Raum.
Damit war diese Verhandlungsebene, die nach dem August-Krieg von EU, OSZE und
UNO gemeinsam moderiert wurde, vollends gelähmt. Die Vereinten Nationen
reagierten prompt und präsentierten noch in der Nacht den verspäteten Bericht,
den der stellvertretende abchasische Außenminister als „ausgewogen“ empfang. Am
nächsten Tag waren alle wieder versöhnt und verhandlungsbereit waren.
Unabhängig davon, ob es ein neues UN-Mandat gibt
und wie das definiert wird, darf angenommen werden, dass die abchasische Führung
unter Präsident Sergei Bagapsch ein erkennbares Interesse an einer UN-Präsenz
hat. Die verspricht nicht nur Sicherheit, sondern kann auch als
Kommunikationskanal mit den westlichen Mitgliedern des Sicherheitsrates genutzt
werden. Auch wenn die Regierung in Suchumi auf den Beistand Russlands angewiesen
ist, so kann sie doch einer „Multi-Vektor-Politik“ einiges abgewinnen, die
eigenständige Kontakte mit „dem Westen“ in Aussicht stellt. Trotzdem bleibt
ausgeschlossen, dass Suchumi einer UN-Mission zustimmt, die von „territorialen
Integrität Georgiens“ ausgeht. Insofern werden die Vereinten Nationen im
Kaukasus nur weiter Flagge zeigen können, wenn der Status Abchasiens neutral
benannt wird und kein Wort über eine Zugehörigkeit zu Georgien fällt.
Saakaschwili bleibt hart
Auf georgischer Seite ist in dieser Hinsicht
bislang keine Flexibilität signalisiert worden. Wer einlenkt, gibt die
staatliche Einheit preis, befürchtet man dort. Keine Regierung in Tiflis könnte
das riskieren, schon gar nicht die schwer angeschlagene von Präsidenten Michail
Saakaschwili. Müssen die Vereinten Nationen weichen, bliebe allein die EU mit
ihrer EUMM als Konfliktmediator übrig. Sollte es dazu kommen, ist es wenig
wahrscheinlich, dass der Genfer Verhandlungsprozess in seiner jetzigen Struktur
bestehen bleiben, da er erkennbare Unterscheidungen zwischen den „staatlichen“
und den sezessionistischen „nicht-anerkannten Staaten“ macht. Eine
Differenzierung, die Abchasien nicht mehr hinnehmen will. Von daher stellt sich
die Frage nach „neutralen“ Konfliktmanagement-Mechanismen auf vielerlei Ebenen.
Eine neutrale UN Beobachtermission könnte den Rahmen für ein Verhandlungsformat
abgeben, bei dem Konflikt- und Verhandlungsparteien auf gleicher Basis stehen.
Die Einheit Georgiens wird nur in einem Dialog zu
regenerieren sein, der lange dauern kann. Eine neutrale Haltung der Vereinten
Nationen in der Frage der territorialen Integrität Georgiens könnte angesichts
dieser Perspektive auch eine Chance sein.
14.06.2009 der Freitag
***
Namensstreit um UN-Mandat
Weltsicherheitsrat berät über Mission im
abchasisch-georgischen Grenzgebiet
Von Gesine Dornblüth
Nach dem Rückzug der OSZE könnte auch der
"UN-Beobachtermission in Georgien" (UNOMIG) im abchasischen Grenzgebiet das Aus
drohen. Abchasen und Russen wollen einer Verlängerung des Mandates wollen nur
zustimmen, wenn im Namen der neuen Mission auf die Nennung Georgiens verzichtet
wird.
Die Stadt Gali nahe der abchasisch-georgischen
Grenzlinie. Gali gehört zu Abchasien, doch hier wohnen fast nur Georgier. Etwa
die Hälfte der Häuser ist noch immer zerstört, die Straßen sind zerfurcht von
Schlaglöchern, die Menschen misstrauisch. In Gali hat die UNOMIG, die Mission
der Vereinten Nationen, ein Lager. Den Bewohnern gibt das Sicherheit, sagt eine
Frau.
"Ein paar mal haben
die Beobachter mir geholfen: Einmal hatte meine Tochter ihr Bein gebrochen, da
haben sie sie behandelt. Und als mein Haus abgebrannt war, haben sie das Dach
repariert. "
Vielen Bewohnern von Gali ist es jedoch
gleichgültig, ob die UN-Beobachter da sind oder nicht. Denn in den Konflikt
zwischen Georgiern und Abchasen haben die UN 15 Jahre lang keine Bewegung
bringen können. Die Schuld dafür liegt bei den Konfliktparteien, nicht bei den
UN-Mitarbeitern, erläutert der Leiter der Mission, der belgische Diplomat Johan
Verbeke.
"Sie können nichts
tun, was die beiden Seiten selbst nicht können oder wollen. Wir sind da, um zu
vermitteln und Kompromisse vorzuschlagen. Leider waren beide Seiten bisher nicht
bereit, die nötigen Zugeständnisse zu machen."
Der Krieg im vergangenen August zwischen der
russischen Armee und dem zweiten georgischen Separationsgebiet, Südossetien, auf
der einen Seite und Georgien auf der anderen Seite, hat die Fronten noch einmal
verhärtet. Zumal, da Russland Abchasien in der Folge des Krieges als
unabhängigen Staat anerkannt hat und dort russische Militärbasen aufbaut. Das
gibt den Abchasen Rückenwind. Sie wollen nun keine Mission mehr akzeptieren, die
das Wort "Georgien" im Titel trägt, denn sie gehen davon aus, dass sie einen
eigenen Staat haben. Der Sprecher des Parlaments von Abchasien, Nugzar Aschuba:
"Von allen Missionen,
die in der Region waren, hat die der Vereinten Nationen sich als die neutralste
erwiesen. (…) Wir wollen deshalb, dass sie bleibt. Dazu muss aber zuallererst
der Name geändert werden. Sie kann nicht ganz neutral sein, wenn sie "Mission in
Georgien" heißt. Soweit ich informiert bin, wird daran bereits gearbeitet: Sie
wird einfach "Mission der UN für Stabilisierung" heißen."
Außerdem müsse die Mission statusneutral sein,
also nichts darüber aussagen, ob Abchasien zu Georgien gehöre oder nicht. Für
die Georgier ist das völlig inakzeptabel. Temur Jakobaschwili ist
stellvertretender Premierminister Georgiens und für die Reintegration der
abtrünnigen Gebiete zuständig.
"Unsere Gebiete sind
von Russland besetzt. Die Vereinten Nationen sollten sich deutlich zum Status
äußern und ganz klar sagen, dass Georgiens territoriale Integrität unantastbar
ist. (…) Die Mission muss "UN-Mission IN GEORGIEN" heißen. Abchasien ist
Georgien."
Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die
Mitglieder des UN-Sicherheitsrates von dem Dogma der territorialen Integrität
Georgiens abrücken. So hatten die Vereinten Nationen bis vor einigen Monaten
immer von "Abchasien - Georgien" gesprochen und die Vertreter der Region als "de
facto" Vertreter bezeichnet - eine diplomatische Verklausulierung für
Repräsentanten international nicht anerkannter Staaten. Im letzten Bericht des
UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon zu Abchasien vom Mai dieses Jahres sind solche
Formulierungen nicht mehr enthalten. Die Abchasen sehen darin eine Aufwertung
Abchasiens zum Staat. Johan Verbeke, der Chef der UNOMIG, winkt ab.
"Der Bericht enthält
immer noch den sehr wichtigen Verweis auf die frühere Resolution 1808. Und in
der wird die territoriale Integrität Georgiens ausdrücklich anerkannt. Der
Generalsekretär hat in seinem letzten Bericht lediglich eine Sprache gefunden,
die es ermöglicht, keine der Konfliktparteien zu verprellen.
Wir werden am Montag
nur dann ein neues Mandat bekommen, wenn beide Parteien bereit sind, sich eine
Mission vorzustellen, die die Statusfrage Abchasiens nicht berührt. Sobald
statusbezogene Fragen direkt oder auch nur indirekt einbezogen werden, wird sehr
wahrscheinlich eine Seite aussteigen."
Dem Sicherheitsrat steht also eine schwierige
Sitzung bevor. Sollten die UN-Beobachter nächste Woche aus der Region abziehen,
rechnen Diplomaten zwar nicht mit Krieg; viele der noch verbliebenen Georgier
könnten Abchasien jedoch verlassen. Und Russen und Abchasen könnten behaupten,
der Konflikt um Abchasien sei gelöst - ohne, dass internationale Beobachter
widersprechen.
12.06.2009 Deutschlandfunk
***
»Bestandene Reifeprüfung«
Südossetiens Präsident mit Wahl zufrieden / EU
erkennt Votum nicht an
Von Irina Wolkowa, Moskau
Als »bestandene Reifeprüfung für die
Unabhängigkeit« bezeichnete Präsident Eduard Kokoity die Wahlen in Südossetien
am Sonntag. Vier Parteien hatten sich um die 34 Sitze im Parlament beworben
und die Sieben-Prozent-Sperrklausel dabei auch überwunden. Einheit, die
Regierungspartei, der auch Kokoity selbst angehört, kam dabei auf 46,5
Prozent, die Kommunisten und die Volkspartei auf jeweils um die 20 Prozent.
Die Opposition bezeichnete die Abstimmung als
»undemokratisch« Etwa 200 Regierungsgegner hatten Präsident Kokoity schon in
der vorvergangenen Woche bei einem Meeting vor der Staatsduma in Moskau
Missbrauch seines Amtes im Wahlkampf vorgeworfen. Organisiert hatte den
Protest der Tedejew-Clan. Er hatte Kokoity einst an die Macht gehievt, war von
diesem dann jedoch entmachtet worden. Beide hatten sich im Kampf um Geld aus
Moskau und Marktanteile ihrer Unternehmensgruppen zerstritten. Die
südossetische Opposition, so hiesige Kaukasus-Experten, habe von Moskau keine
Hilfe zu erwarten. Kreml und Regierung seien mit Kokoitys Performance »im
Prinzip« zufrieden. In der Tat. Anders als Kollege Sergej Bagapsch in
Abchasien ist Kokoity Moskau gegenüber hundertprozentig loyal und damit Garant
für hochfliegende Pläne, wie Russland sie mit Georgiens abtrünnigen Regionen
hat. Die EU erkennt die Parlamentswahl nicht an.
In Südossetien und in Abchasien, die es zusammen
auf gerade mal 275 000 Einwohner und 12 500 Quadratkilometer bringen, sind
gegenwärtig über 9000 russische Soldaten stationiert. In Südossetien hatte
Moskau seine Grenztruppen erst vor ein paar Wochen aus ihren Stellungen kurz
vor dem Roki-Tunnel an der Grenze zu Nordossetien, die gleichzeitig auch
südliche Staatsgrenze Russlands ist, abgezogen und hundert Kilometer weiter
südlich an die einstige Demarkationslinie zu Georgiens Kernprovinzen verlegt.
Auch der Bau von Kasernen und Übungsplätzen für reguläre Einheiten des Heeres,
die gegenwärtig noch in Zelten untergebracht sind, läuft auf Hochtouren.
Vor der Küste Abchasiens kreuzt auch der
Großteil der russischen Schwarzmeerflotte. Diese ist eigentlich auf der Krim
stationiert, wo Moskau die Marinebasis bei Sewastopol bis 2017 gepachtet hat.
Kiew drängt jedoch in die NATO und möchte den Vertrag vorfristig beenden. Da
der neue Standort an der russischen Schwarzmeerküste bisher nur als Blaupause
existiert und die Krise auch zu Kürzungen des Militärhaushalts führt, ist es
billiger, den Hafen von Suchumi, der Hauptstadt Abchasiens, auszubauen. Die
Vorbereitungen haben begonnen.
Russland begründet seine geballte Präsenz mit
Freundschaftsverträgen, die Moskau gleich nach der Anerkennung der
Unabhängigkeit beider Regionen mit diesen im September unterzeichnete. Sie
sehen auch Bestandspflicht im Falle einer Aggression vor. Moskau wie Zchinwali
schließen eine neue Offensive zur Rückeroberung Südossetiens nicht aus. Die
Neubewaffnung der georgischen Armee, die bei der Niederlage im Augustkrieg
gegen Russland fast alle Technik verlor, ist aus Sicht hiesiger Experten so
gut wie abgeschlossen.
02.06.2009 Neues Deutschland
***
Spielt Belarus auf Zeit?
Eigentlich sollte die Frage nach der
Anerkennung Südossetiens und Abchasiens auf der Tagesordnung des Parlaments in
Belarus stehen. Doch vieles spricht dafür, dass Minsk die Entscheidung möglichst
hinauszögern will.
Hintergrund ist der Konflikt um die beiden
abtrünnigen georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien sowie die
Anerkennung von deren Unabhängigkeit durch Russland. Nun sieht sich auch Belarus
vor die Frage gestellt: anerkennen oder nicht? Dabei dürfte Präsident
Lukaschenko mehr als bewusst sein, dass die Lage äußerst verzwickt ist: Die
Nichtanerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens würde Moskau
brüskieren, eine Anerkennung könnte wiederum die zarten Bande empfindlich
stören, die Minsk derzeit mit Brüssel knüpft.
Zunächst hat Lukaschenko offenbar einen Zeitgewinn
verbucht, indem er darauf verwies, erst nach den Wahlen könne das neue Parlament
über eine Anerkennung der beiden selbsternannten Republiken entscheiden. Schaut
man sich aber nun die Tagesordnung der ersten Sitzungsperiode der neugewählten
Repräsentantenkammer der belarussischen Nationalversammlung an, so fällt auf,
dass die Frage nach der möglichen Anerkennung Südossetiens und Abchasiens gar
nicht auf der Agenda steht.
Politischen Handlungsspielraum erhalten
Der russische Politikwissenschaftler Fjodor
Lukjanow meint, der belarussische Präsident Aleksandr Lukaschenko habe zu keinem
Zeitpunkt beabsichtigt, die Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens
anzuerkennen. Die Motive lägen auf der Hand: "Für jeden postsowjetischen Staat,
egal in welchem Verhältnis er zu Russland und Georgien steht, ist die
Legitimation einer gewaltsamen Grenzänderung ein äußerst unwünschenswerter
Präzedenzfall." Belarus habe zwar aktuell keine Territorialkonflikte, aber jeder
postsowjetische Staat könnte Probleme bekommen, wenn die administrativen Grenzen
der einstigen UdSSR in Zweifel gezogen würden, so Lukjanow.
Die EU wiederum habe die Nichtanerkennung
Südossetiens und Abchasiens zur Bedingung für eine Beteiligung von Belarus an
dem Programm Ostpartnerschaft gemacht. "Das ist ganz klar eine Einmischung in
die inneren Angelegenheiten von Belarus", kritisiert Lukjanow. Dies habe
Lukaschenko zum Anlass genommen, sich von dieser Frage zu entfernen. Er wolle
sich den Raum zum Lavieren zwischen Russland und der EU erhalten.
Dass Minsk seinen politischen Spielraum nicht
einengen will, vermutet auch der belarussische Experte Aleksandr Klaskowskij.
Allerdings ist er der Meinung, dass eine Anerkennung der Unabhängigkeit
Südossetiens und Abchasiens derzeit gar keine Rolle spiele. Diese Frage werde
sowohl von Moskau als auch von der EU aufgebauscht. "Die EU wird nichts tun
können, falls Minsk die beiden kaukasischen Republiken anerkennt, weil man
Belarus bereits in die Ostpartnerschaft aufgenommen hat", vermutet Klaskowskij.
Auch Moskau werde nicht übermäßig Druck ausüben, so der Experte.
Welche Signale wird Belarus setzen?
Nach Ansicht des belarussischen Politologen
Wladimir Mazkewitsch würde sich für Südossetien und Abchasien durch eine
Anerkennung wenig ändern. Anders für Belarus: Für Minsk hätte dieser Schritt
ernsthafte Folgen. Wie der Experte erläuterte, wäre eine Anerkennung der
abtrünnigen georgischen Provinzen für die Europäer ein Signal dafür, dass Minsk
sein selbständiges Vorgehen in Richtung Europa endgültig beendet. Der EU wäre
somit klar, dass alle Fragen betreffend Belarus mit dem Kreml abgeklärt werden
müssten.
Doch auch der Umkehrschluss sei nicht ohne
weiteres zulässig: Durch eine Nichtanerkennung könne Belarus nicht automatisch
Pluspunkte für sich bei der EU verbuchen, meint Mazkewitsch. Denn zwischen der
EU und Minsk gebe es genügend andere offene Fragen. Das Hauptproblem sei nicht
die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens. Es gehe vielmehr um Maßnahmen zur
Demokratisierung in Belarus.
Autor: Gennadij Konstantinow/Vladimir Dorokhov/Markian
Ostaptschuk
Redaktion: Birgit Görtz
16.04.2009 Deutsche Welle
***
Machtbasis des Präsidenten schwindet
Gefolgsleute von Mikhail Saakaschwili haben in den
vergangenen Wochen in Serie das Regierungslager verlassen
Wien/Tiflis - Während die Nato mehr als ein halbes
Jahr nach dem Krieg im Kaukasus ihr Verhältnis zu Russland normalisiert,
schwindet die Machtbasis von Mikhail Saakaschwili in schnellem Tempo.
Gefolgsleute des georgischen Präsidenten, dem zumindest die unmittelbare
Verantwortung für den Kriegsausbruch im August 2008 und die rasche Niederlage
gegen die russische Armee angelastet wird, haben in den vergangenen Wochen in
Serie das Regierungslager verlassen
Der frühere
Premierminister Surab Nogaideli (2005-2008) nennt seinen ehemaligen Mentor nun
einen „Verbrecher", den bisherigen OSZE-Botschafter Dolidse hat es nicht länger
auf seinem Posten gehalten, die ehemalige Parlamentspräsidentin und
Mitanführerin der Rosenrevolution von 2003, Nino Burdschanadse, - sie wird am
Sonntag an der 1989-Diskussionsreihe des Standard im
Burgtheater in Wien
teilnehmen - hat zusammen mit sieben anderen Oppositionsparteien zu einer
Massendemonstration Anfang April aufgerufen, um Saakaschwili zu stürzen.
Gegenspieler
Zum gewichtigsten Gegenspieler Sakaaschwilis ist
mittlerweile der frühere UN-Botschafter und ehemalige Chef der von Tiflis
unterstützten abchasischen Exilregierung, Irakli Alasania, geworden. Alasania,
wie die meisten Politiker der Rosenrevolution gerade einmal Mitte 30, ließ mit
realistischen Aussagen über den dauerhaften Verlust der beiden georgischen
Separatistengebiete Abchasien und Südossetien, aufhorchen; eine Korrektur der
kompromisslosen Politik Georgiens gegenüber Moskau sei notwendig.
Der jüngste Ausfall im Lager des Präsidenten
dagegen ist der erst vor einem Monat ernannte, als sehr kompetent geltende
Armeechef Wladimir Chachibaja; der in den USA ausgebildete General schmiss
vergangene Woche im Streit um Einflussnahmen bei seinen Personalentscheidungen
die Brocken hin und ließ sich auf den weithin dekorativen Posten eines
Vizeverteidigungsministers verschieben - wie lange er dort bleibt, ist ungewiss.
Konfliktlösung
Substanzielle Kritik an äußerte auch Georgiens
frühere Außenministerin Salome Surabischwili, die als Exil-Georgierin und
französische Botschafterin in Tiflis nach der Revolution im November 2003 das
Ministeramt übernahm. Der Krieg im Sommer 2008 hätte vermieden, die
Möglichkeiten für eine Konfliktlösung hätten besser ausgelotet werden können,
sagte Surabischwili vergangene Woche bei einer nicht-öffentlichen Konferenz der
Landesverteidigungsakademie in Wien zu den Sezessionskonflikten in Georgien: „Es
gab nur verpasste Chancen, ich kann keine positiven Momente erkennen."
Verwaltungsgrenze
Surabischwili, eine entschiedene Gegnerin
Russlands und der russischen Kaukasuspolitik, nannte eine Reihe folgenreicher
Fehlentscheidungen der georgischen Führung, die Möglichkeiten für einen
langfristigen Ausgleich mit den Separatisten verbauten. Einige dieser
Entscheidungen, wie etwa die Schließung des riesigen Markts von Ergneti an der
Verwaltungsgrenze zwischen Südossetien und dem georgischen Kernland im Frühjahr
2004, hat sie allerdings selbst mitgetragen. „Die Schließung von Ergneti war ein
Desaster", meinte die Ex-Außenministerin nun, denn der Markt, auf dem
hauptsächlich Schmuggelware aller Art aus Russland umgeschlagen wurde, diente
als Wirtschafts- und Kontaktbasis von Georgiern und Osseten. „Auf menschlicher
Ebene war der Konflikt in Südossetien bis dahin gelöst gewesen", erklärte
Surabischwili.
Zumindest für die Südosseten ist er das nach dem
Krieg, der Vertreibung der georgischen Bewohner und der Anerkennung der Provinz
als unabhängigen Staat durch Russland heute auch. „Für mich ist der Konflikt
gelöst, zumindest auf die nächsten Jahre hinaus", stellte Alan Pastajarew,
Direktor einer NGO in Zchinwali, bei der Konferenz der Verteidigungsakademie
schlicht fest - „die russische Armee ist da, um mich zu beschützen." (Markus
Bernath, 14.3.2009)
14.03.2009 derStandart
***
Rustawi 2
setzt Serie zu neuem Krieg zwischen Georgien und Russland fort
Der
regierungstreue georgische Privatsender Rustawi 2 schraubt weiter an seiner
Geschichte über einen neuen Krieg, den Russland nach Ansicht der Regierung
Saakaschwili gegen Georgien vorbereitet. Dazu gab es am Montag zwei
Meldungen, die sich (bislang) nicht in anderen georgischen Medien fanden,
mit Ausnahme der wörtlich von Rustawi übernommenen Meldungen anderer
Webseiten.
Die eine Meldung besagt, dass Russland seiner Stellungen in der abtrünnigen
Teilrepublik Abchasien verstärkt. Demnach sollen 400 Soldaten der russischen
Besatzungstruppen an der Verwaltungsgrenze innerhalb Georgiens Stellung
beziehen.
Für die andere Geschichte nimmt der Sender Bezug auf den russischen
Militärexperten Pavel Felgenhauer. Dieser soll nach Angaben des Senders
gesagt haben, Russland plane eine neuen Feldzug gegen Georgien. Dabei sei
die Besetzung von Tbilisi und mehrerer wichtiger Stützpunkte in Georgien
geplant.
Zu Beginn solle der Tod mehrerer russischer Soldaten in Szene gesetzt
werden, soll Felgenhauer nach Angaben des Senders gesagt haben. Das Szenario
ist nicht neu: Am 1. September 1939 hatte Adolf Hitler den Angriff auf Polen
mit einem angeblichen Angriff auf einen Radiosender gerechtfertigt.
Jahrzehnte später stellte sich heraus, dass der Angriff inszeniert war.
Ob die Aussage von Felgenhauer wirklich getätigt worden ist oder von Rustawi
2 frei erfunden wurde, lässt sich derzeit nicht nachprüfen. Auffallend ist
jedoch, dass der Sender intensiv an einer medialen Vorbereitung eines neuen
Waffenganges zwischen Georgien und Russland arbeitet. Präsident Saakaschwili
und die anderen Hardliner seines Machtapparates wie der unbeliebte Giga
Bokeria arbeiten seit Wochen an der intensiven Gestaltung des Feindbildes
Russland.
Mit welchen Mitteln Saakaschwili und der mutmaßlich ihm gehörende Sender
arbeiten, hat das Beispiel des 21. Mai 2008 gezeigt. Zwei Busse wurden an
der Verwaltungsgrenze zur abtrünnigen Teilrepublik Abchasien beschossen, als
sie zur an dem Tag stattfindenden Wahl fahren wollten. Vier Menschen wurden
dabei verletzt. Später stellte sich heraus, dass Saakaschwili auf die eigene
Bevölkerung schießen lies, um dieses Verbrechen Russland und der Führung der
abtrünnigen Teilrepublik in die Schuhe schieben zu können. Rustawi 2 stellte
bereits im Vorfeld der Schüsse Kameras auf und berichtete in aller
Ausführlichkeit über den angeblich von abchasischen Separatisten begangenen
Überfall.
23.02.2009 Georgien Nachrichten
***
"Jahrhundertelange Erinnerung ans Blutvergießen"
Der Krieg im Kaukasus - für Russland kein
neues Kapitel des Kalten Krieges, sondern lediglich eine Provokation des
georgischen Präsidenten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Russlands
Außenminister Lawrow, wer aus der Sicht Moskaus außerdem Schuld an dem Konflikt
trägt.
SPIEGEL ONLINE: War der Krieg
zwischen Russland und Georgien um die Kaukasus-Provinz Südossetien, der im
vergangenen August Europa erschütterte, in Wirklichkeit nicht der erste
Konflikt zwischen Amerika und Russland nach dem Kalten Krieg?
Lawrow:
Diese Konfrontation hing wesentlich mit der Person des georgischen
Präsidenten Micheil Saakaschwili zusammen. Er zettelte ein Spiel an, das
nicht gelingen konnte. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass er genug
Kraft für einen militärischen Angriff auf Südossetien gesammelt hat. Dazu
hat ihn auch die Erklärung der Nato auf ihrem Bukarester Gipfel im
vergangenen April verleitet, auf dem erklärt wurde, dass Georgien
demnächst Nato-Mitglied werden könne. Das hat Saakaschwili als
Blankoscheck verstanden.
SPIEGEL ONLINE:
Wollen Sie damit sagen, dass der Westen für den Krieg verantwortlich ist?
Lawrow:
Ich hoffe, dass alle ihre Lehren ziehen. Viele Nato-Länder, aber auch
andere europäische Staaten, haben Georgien in großen Mengen Waffen
geliefert. Ich betone: Offensivwaffen in ein Konfliktgebiet. Dies war ein
Verstoß gegen die Regeln der Europäischen Union (EU) und der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Der Krieg hat eine
lange Vorgeschichte.
SPIEGEL ONLINE:
Welche?
Lawrow:
Bereits kurz vor der Gründung der Sowjetunion am Anfang des 20.
Jahrhunderts haben georgische Soldaten in Südossetien Tausende Zivilisten
massakriert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden neue
Staaten. Die georgische Führung hat versucht, Südossetien und Abchasien
mit Gewalt unter Kontrolle zu bringen. Georgien stimmte für die
Unabhängigkeit, verwehrte aber gleichzeitig Südossetien und Abchasien eine
Volksabstimmung. Stattdessen nahm die Regierung in Tiflis den beiden
Republiken ihren Autonomie-Status, welche die Provinzen zu Sowjetzeiten
gehabt hatten, und erklärte, dass Georgien den Georgiern gehöre. Damals
konnte die Aggression abgewendet werden, nach Verhandlungen wurden
Friedensmechanismen geschaffen.
SPIEGEL ONLINE:
2004 aber brachen neue Feindseligkeiten aus.
Lawrow:
Auch damals hat Saakaschwili einen Krieg gegen Südossetien angefangen, im
August 2004. Es gelang, ihn durch die Verteidigungstruppen Südossetiens
und mit Hilfe der Friedenstruppen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
(GUS) schnell zu stoppen. Dem georgischen Diktat wurde eine militärische
Abfuhr erteilt, und zwar auf der Grundlage internationaler Verträge und
Entscheidungen der OSZE.
SPIEGEL ONLINE:
Zurück zum jüngsten Krieg. Wir haben dennoch den Eindruck, dass es um eine
Abgrenzung der Einflusszonen zwischen Russland und Amerika ging.
Lawrow:
Unsere amerikanischen Freunde behaupten, sie würden keine Aufteilung der
Welt in Einflusszonen zulassen. Das ist auch meine Haltung. Einflusszonen
entspringen der Logik des Kalten Krieges.
SPIEGEL ONLINE:
In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion haben nicht wenige das Gefühl,
Moskau wolle seine alte, dominante Rolle wiederherstellen ...
Lawrow:
Bereits 2004 hat unser damaliger Präsident Wladimir Putin bei einem
Auftritt im russischen Außenministerium festgestellt, dass unsere
Nachbarstaaten, die Länder der GUS, für uns eine absolute Priorität haben.
Im gleichen Atemzug aber sagte er, dass wir über kein Monopol auf diesen
Raum verfügen. Alle Länder sind unabhängig und haben das Recht, sich ihren
Partner auszusuchen. Putin erklärte auch, dass wir die Interessen unserer
westlichen Partner im postsowjetischen Raum anerkennen. Im Kaukasus und in
Zentralasien geht es um Energiesicherheit, die Bekämpfung von Terrorismus,
Drogenhandel und der Organisierten Kriminalität.
Wer ist schuld am jüngsten
Konflikt?
SPIEGEL ONLINE:
Moskau ist aber alles andere als glücklich über die Aktivitäten des
Westens in seinem Hinterhof.
Lawrow:
Wir wollen, dass diese Interessen mit transparenten, friedlichen und
gesetzmäßigen Methoden vertreten werden. In erster Linie aber dürfen die
Interessen der Staaten in Zentralasien und im Kaukasus nicht aus dem Blick
geraten. Sie dürfen nicht vor eine irreführende Wahl gestellt werden nach
dem Motto, entweder schließt ihr euch der demokratischen Gemeinschaft an
oder ihr wählt die Partnerschaft mit Russland.
SPIEGEL ONLINE:
Wer ist schuld am jüngsten Konflikt? Georgien hat den ersten Schuss
abgefeuert, aber beide Seiten haben sich auf diesen Krieg vorbereitet.
Lawrow:
Was heißt den ersten Schuss abgegeben? Das ist eine sehr beschönigende
Schilderung dessen, was tatsächlich geschehen ist. Das hört sich nach
Gawrilo Princip an, der in Sarajevo 1914 den serbischen Thronfolger
ermordete. Er gab einen Schuss ab und dann haben schlechte Menschen den
Ersten Weltkrieg begonnen. In Südossetien aber war alles anders. Es gibt
zahllose Beweise, dass Georgien bei seinem Angriff Panzer, Artillerie und
Raketenwerfer eingesetzt hat.
SPIEGEL ONLINE:
Was sind die Folgen dieses Krieges?
Lawrow:
Saakaschwili selbst hat die territoriale Integrität seines Landes
zerstört, als er eine friedliche Stadt angriff. Noch 2006 sagte Herr
Saakaschwili, er würde niemals Gewalt anwenden, weil er wisse, dass
Blutvergießen im Kaukasus nicht nur über Jahrzehnte, sondern über
Jahrhunderte im Gedächtnis bleibe.
SPIEGEL ONLINE:
Viele meinen, Russland habe ein Interesse gehabt, den Konflikt zu schüren,
es habe durch die Ausgabe russischer Pässe an Südosseten und Abchasen Öl
ins Feuer gegossen.
Lawrow:
Als Präsident Dmitrij Medwedew am 6. Juni vergangenen Jahres in Sankt
Petersburg mit Saakaschwili zusammentraf, begann er das Gespräch mit einem
Bekenntnis zur territorialen Integrität Georgiens. Er erklärte, dass
Russland die Situation um Südossetien und Abchasien entspannen will und
helfen möchte, zu einer stabilen Regelung zu kommen. Beide Präsidenten
kamen überein, dass ein erster Schritt gemacht werden solle, indem alle
ein Gewaltverzichtsabkommen unterzeichnen.
Gesamteuropäische Lösung der
Sicherheitsfrage
SPIEGEL ONLINE:
Das ist gescheitert. Wie kann Russland dazu beitragen, dass solche
Konflikte künftig vermieden werden?
Lawrow:
Wir wollen mit aller Kraft eine gesamteuropäische Lösung der
Sicherheitsfrage. Mit diesem Ziel hat Dmitrij Medwedew am 5. Juni
vergangenen Jahres in seiner Berliner Rede einen neuen Vertrag zur
Europäischen Sicherheit vorgeschlagen. Im Russland-Nato-Akt von 1997, der
2002 in den Russland-Nato-Rat mündete, haben die Staatsführer
festgehalten, dass Sicherheit unteilbar ist und dass keiner seine
Sicherheit auf Kosten anderer aufbauen darf.
SPIEGEL ONLINE:
Was soll ein neuer Vertrag bringen?
Lawrow:
Damals war das ein politisches Dokument, das ein politisches Prinzip
festhielt. Leider hat die Praxis gezeigt, dass dies nicht funktioniert.
Wir schlagen nun vor, das Prinzip der unteilbaren Sicherheit juristisch
bindend zu machen.
SPIEGEL ONLINE:
Werden die anderen europäischen Ländern dem Vorschlag Russlands folgen?
Lawrow:
Die Münchner Sicherheitskonferenz war in diesem Jahr besonders
interessant. Die Weltfinanzkrise zwingt alle Länder, sich auf die
wirklichen Probleme zu konzentrieren. Den Luxus geopolitischer Spielchen
können wir uns nicht länger leisten.
Lesen Sie dazu auch den aktuellen
SPIEGEL und die Ausführungen des russischen Außenministers zu den
Entspannungssignalen der Obama-Regierung, Ideen zur nuklearen Abrüstung
und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit im Konflikt mit Iran.
Das Interview führten Martin Doerry,
Christian Neef und Matthias Schepp in Moskau
19.02.2009 SPIEGEL ONLINE
***
Ein Jahr nach der Unabhängigkeit
Der Präzedenzfall Kosovo
Als das Kosovo vor einem Jahr unabhängig wurde,
befürchteten viele, dies könne ein
Signal für Separatisten weltweit
sein. Tatsächlich hat sich seitdem zum Beispiel die Situation im benachbarten
Bosnien verschlechtert. Eine direkte Verbindung gibt es zwischen der
Unabhängigkeit des Kosovo und dem Krieg in Georgien.
Von Silvia Stöber, tagesschau.de
Kurz nach der
Unabhängigkeitserklärung kam es zu Unruhen in Mitrovica im Nordkosovo.
Unruhen, Angriffe auf ein EU-Büro und auf ein
Gerichtsgebäude im Norden des Kosovo, die Zerstörung der US-Botschaft in Belgrad
durch randalierende Serben – die ersten Tage des unabhängigen Kosovo ließen
nichts Gutes erahnen. Doch blieb es danach relativ ruhig. Zwar kommt es immer
wieder zu Protesten der serbischen Minderheit und faktisch ist der Norden vom
Rest des
Kosovo getrennt, aber eine Massenflucht und größere Auseinandersetzungen mit
den Kosovo-Albanern blieben aus.
In Serbien konnten die Ultranationalisten die
Wähler bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen nicht überzeugen. Den
Bürgern waren finanzielle Aufbauhilfe und Reiseerleichterungen als Teil eines
Partnerschaftsabkommens mit der EU wichtiger als der Widerstand gegen die
Unabhängigkeit der ehemaligen serbischen Provinz, die die Kosovo-Albaner gegen
den Willen Serbiens und Russlands ausgerufen hatten.
Serbische Rückkehrer im Kosovo:
"Am schlimmsten
ist die Propaganda aus Serbien"
Eine Reportage von Andrea Mühlberger aus Vidanje,
ein Dorf im Kosovo. [mehr]
Bosnien droht auseinanderzubrechen
Doch die
Anerkennung des Kosovo durch mittlerweile 54 von 192 UN-Staaten hat vielen
Separatisten ein weiteres Argument geliefert, für ihre Region ebenso
Unabhängigkeit zu fordern. Das betrifft zum Beispiel das benachbarte
Bosnien-Herzegowina. Dort haben die Spannungen zwischen den Teilstaaten - der
Serbenrepublik Srpska und der muslimisch-kroatischen Föderation - noch
zugenommen.
Das Parlament der Republika Srpska verurteilte die
einseitige Unabhängigkeitserklärung als "illegal". Wenn die Kosovo-Albaner das
Recht auf Selbstbestimmung der Völker für sich in Anspruch nehmen dürften, so
müsse dies den Serben in Bosnien auch zugestanden werden. Der muslimische
Präsident Haris Silajdzic und der serbische Regierungschef Milorad Dodik heizen
seither die Stimmung weiter an. Erst im Oktober drohte Dodik, die Serbenrepublik
könne sich abspalten. Er kündigte an, seine Republik werde Zuständigkeiten
wieder übernehmen, die sie an den Bundesstaat abgetreten hatte.
Separatisten in Spanien frohlockten
Auch den Separatisten im spanischen Baskenland
diente das Kosovo als Argument für die eigenen Forderungen nach Abspaltung. Mit
Genugtuung erklärte die Baskische Nationalistenpartei PNV, die Unabhängigkeit
des Kosovo bestätige das Recht auf freie Entscheidung eines Volkes über das
eigene Schicksal. Ende Juni kündigte die baskische Regionalregierung ein
Unabhängigkeitsreferendum an. Es wurde aber vom Verfassungsgericht für illegal
erklärt. Bei der Regionalwahl im März muss die PNV Umfragen zufolge mit einer
Wahlniederlage rechnen. Nachvollziehbar ist dennoch, dass die Zentralregierung
in Madrid das Kosovo nicht anerkannte.
EU verhält sich uneinheitlich
Protest-Graffiti gegen UNMIK
und EULEX vor dem Regierungsgebäude in Pristina. (Foto: Silvia Stöber)
]
Neben Spanien haben die EU-Länder Zypern,
Griechenland, Rumänien und die Slowakei diesen Schritt verweigert. Das erschwert
der EU eine einheitliche Haltung
gegenüber der EU-Mission Eulex, die im Kosovo den Aufbau rechtsstaatlicher
Strukturen unterstützen soll. Sie konnte erst Ende 2008 nach sechsmonatiger
Verzögerung ihre Arbeit aufnehmen. Eulex löst nicht wie geplant die von vielen
Seiten kritisierte UN-Verwaltung UNMIK ab, sondern muss unter und neben ihr
agieren. Ursprünglich sollte Eulex durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrates
legitimiert werden. Dies war aber nach jahrelangen Verhandlungen über den Status
des Kosovo am Widerstand Russlands gescheitert.
Für Russland war es ein Präzedenzfall
Der russischen Regierung ging es dabei nicht nur
um die Unterstützung der territorialen Integrität Serbiens, sondern auch um eine
Demonstration der eigenen Macht in der Welt. Dies erklärt sich durch den Umgang
Russlands mit den von Georgien abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien.
Im Widerspruch zur Argumentation bezüglich des Kosovo erkannte Russland deren
Unabhängigkeit am 26. August 2008 an - zwei Wochen nach dem Ende des
Georgien-Krieges, den der georgische Präsident Michail Saakaschwili mit dem
Angriff auf Südossetien ausgelöst hatte.
Putin bekannte sich früh
Putin stellte schon 2006 eine
Verbindung zwischen dem Status des Kosovo und den abtrünnigen Gebieten in
Georgien her. ]
Doch hatte Russland dies offenbar schon länger
erwogen. Bereits im September 2006 hatte Wladimir Putin - damals noch als
russischer Präsident - gefordert, für die beiden Gebiete im Kaukasus die
gleichen Maßstäbe anzuwenden wie beim Kosovo. Als die Unabhängigkeitserklärung
der Kosovo-Albaner näher rückte, drohte das russische Außenministerium mit einer
"adäquaten Reaktion".
Nach Aussage des Russland-Experten Alexander Rahr
von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik bemühte sich die Regierung
in Moskau bereits zu dieser Zeit darum, andere Länder davon zu überzeugen, die
Unabhängigkeit der beiden Gebiete anzuerkennen. Südossetien und Abchasien hatten
mit Verweis auf das Kosovo offiziell darum gebeten. Bestärkt in ihrer Forderung
wurden sie, als das russische Parlament im März 2008 ihre Unabhängigkeit
forderte und das Außenministerium in Moskau Wirtschaftssanktionen gegen beide
aufhob.
Die rote Linie war überschritten
Als die NATO Anfang April 2008 Georgien und der
Ukraine eine Mitgliedschaft in der Allianz grundsätzlichin Aussicht stellte, war
für Russland die rote Linie endgültig überschritten. Der Kreml kündigte die
Eröffnung von "Quasi-Konsulaten" und eine enge Zusammenarbeit mit beiden
Gebieten an, was einer Anerkennung fast gleichkam. Die georgische Regierung ließ
sich provozieren - eine undurchsichtige Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion
kam in Gang, die im Fünf-Tage-Krieg endete. Dabei hatte schon im Frühsommer ein
Krieg in Abchasien gedroht, der gerade noch abgewendet hatte werden können,
bestätigte die damalige georgische Parlamentspräsidentin Nino Burdschanadse
tagesschau.de.
Machtpoker am Kaukasus Worum
geht es bei dem Konflikt in Georgien? Hintergründe zum Thema von tagesschau.de [mehr]
Die Anerkennung des Kosovo und die
NATO-Entscheidung haben zur Eskalation beigetragen. Doch hatten die
Konfliktparteien schon nach 2004 nicht mehr an eine Verhandlungslösung geglaubt,
als Saakaschwili Präsident geworden war und die Herstellung der territorialen
Integrität Georgiens angekündigt hatte. Das betont Dieter Boden, ehemals
Vertreter der OSZE und der UNO in Georgien.
Der Georgien-Krieg
überraschte viele in seiner Heftigkeit. Zehntausende flohen vor den Kämpfen, wie
diese Osseten. ]
Der Krieg jedenfalls und die Anerkennung
Südossetiens und Abchasiens ermöglichen es Russland, dort mehr Truppen als zuvor
zu stationieren. Russland hatte bis Ende 2007 gemäß internationaler
Vereinbarungen den Abbau der letzten Militärstützpunkte in Georgien
abgeschlossen. Außerdem sollte die russische Armee laut Abkommen mit der EU nur
so viele Soldaten wie vor dem Krieg in Georgien belassen. Nun errichtet die
russische Armee neue Militärstützpunkte und belässt mehr Soldaten dort als
vereinbart. Russland sieht sich dennoch im Recht, denn es handele sich nicht
mehr um georgisches Territorium, sondern um eigenständige Staaten.
Folgen überraschend?
Dabei gerät außer Acht, dass zumindest Abchasien
über die Jahre eigene staatliche und gesellschaftliche Strukturen aufgebaut hat
und dies ohne internationale Organisationen wie im Kosovo. Ohne internationale
Unterstützung und Anerkennung jedoch sind die Abchasen auf Russland angewiesen -
sei es durch Wirtschaftshilfe oder durch die Annahme russischer Pässe.
Wenn die EU es mit dem Selbstbestimmungsrecht der
Völker überall so ernst nehmen würde wie im Kosovo, müsste sie ihre Position
gegenüber Abchasien überdenken, ebenso wie der Kreml seine Haltung gegenüber dem
Kosovo. Fraglich bleibt, ob die verantwortlichen Politiker vor einem Jahr die
Folgen der Anerkennung des Kosovo nicht überblicken konnten, oder ob sie sie in
Kauf genommen haben.
17.02.2009 Tagesschau.de
***
Zu wem gehört Abchasien?
Soll die nächste UN-Mission "Mission in Abchasien"
heißen? Russland und Abchasien sagen "ja". Andere wie die EU sagen "nein".
Während nach einer Antwort gesucht wird, geht das Leben in Abchasien seinen
Gang.
An der Promenade von Suchumi, der Hauptstadt
Abchasiens, sitzen junge Leute an einem Tisch und trinken Kaffee. Das Schwarze
Meer brandet gegen verrottete Stege. Nala studiert in Suchumi internationale
Politik, und sie weiß schon genau, was sie später machen will. "Wir alle wollen
dabei mithelfen, unseren Staat voranzubringen", sagt sie. "Ich bin in
zweieinhalb Jahren mit dem Studium fertig. Dann will ich im Außenministerium
arbeiten und Abchasien im Ausland repräsentieren."
Nala und ihre Freunde sind Abchasen. Sie stellen
die größte Bevölkerungsgruppe in dem Pseudo-Staat, und besetzen die
Führungspositionen. Das war nicht immer so. In sowjetischen Zeiten waren die
Georgier in Abchasien in der Überzahl. Anfang der 90er-Jahre aber sagte sich
Abchasien von Georgien los - es kam zum Krieg und mit russischer Hilfe
vertrieben die Abchasen 200.000 Georgier. 15 Jahre lang existierte Abchasien,
ohne dass irgendein Land der Welt Notiz von dem selbst ernannten Staat nahm. Im
August änderte sich das.
Als Folge des Krieges um Südossetien erkannte
Russland Abchasien an. In Suchumi löst das auch fünf Monate später noch
Hochstimmung aus. "Das gibt uns Schwung. Es gibt Gerechtigkeit auf Erden", freut
sich Nala. "Wir hoffen, dass die Vereinten Nationen uns anerkennen. Dass wir als
eigener Staat auf der Weltkarte erscheinen. Das Leben ist schöner geworden."
Vertrauen erarbeiten

Der Präsident von Abchasien, Sergej Bagapsch
Zudem hat Russland umgerechnet etwa 50 Millionen
Euro Finanzhilfen versprochen. Damit soll der Landstrich endlich wieder
aufgebaut werden. Nach Russland hat nur ein Staat Abchasien anerkannt:
Nicaragua. Die EU-Mitgliedsländer lehnen das strikt ab. Sie sind der Ansicht,
der Pseudo-Staat gehöre völkerrechtlich nach wie vor zu Georgien. Der Präsident
von Abchasien, Sergej Bagapsch, nimmt es gelassen. Er sitzt in einem mit
flauschigem Teppich ausgelegten Büro nahe der Promenade von Suchumi. "Im Prinzip
reicht uns in dieser Phase die Anerkennung durch Russland und Nicaragua", sagt
der Präsident. Er hoffe aber, dass Weißrussland, Kuba und einige afrikanische
Staaten demnächst dazu kämen. "Was die Anerkennung durch Europa betrifft, werden
wir das nicht forcieren. Wir müssen Europa und der Welt jetzt beweisen - und das
können wir -, dass wir einen zivilisierten Staat aufbauen können. Wir müssen uns
das Vertrauen der Europäer erarbeiten", erklärt er.
Von Vertrauen zwischen der EU und den Abchasen
kann bisher aber keine Rede sein. Die Europäische Union hat nach dem
Südossetien-Krieg gut 200 Militär-Beobachter nach Georgien geschickt. Gemäß
ihrem Mandat soll die EU-Mission in ganz Georgien patrouillieren, also - nach
Auffassung der EU - auch in Südossetien und Abchasien. Die EU-Beobachter
erhalten aber keinen Zutritt zu den Separationsgebieten, und daran soll sich
sobald nichts ändern.
Mission in Abchasien

Der UN-Sicherheitsrat tagt am Freitag (13.02.2009)
"Ganz Georgien, so wie die EU es versteht,
existiert nur noch auf dem Papier", erläutert Maxim Gundschia, stellvertretender
Außenminister. "Das Mandat der EU gilt nur für Georgien. Also nicht für
Abchasien." Man sei auf der Hut, denn man glaube, dass die EU-Mission vor allem
politisch aktiv werden wolle, anstatt für Sicherheit zu sorgen.
Eher als der EU vertrauen die Abchasen den
Vereinten Nationen. Deren Beobachtermission in Abchasien, die UNOMIG, hat sich
in den vergangenen 15 Jahren weitgehend neutral verhalten und sowohl Verstöße
der Abchasen und GUS-Truppen als auch Verstöße der Georgier gegen das
Waffenstillstandsabkommen veröffentlicht. Doch das Mandat der UNOMIG läuft am
Sonntag (15.02.2009) aus. Ihre bisherige Aufgabe, die GUS-Friedenstruppen in
Abchasien zu beobachten, kann die Mission nicht mehr wahrnehmen, denn Russland
hat die GUS-Friedenstruppen durch reguläre Truppen ersetzt und auf mehrere
tausend Mann aufgestockt. Russland plant einen Marine- und einen
Luftwaffenstützpunkt in Abchasien. Sie hätten nichts gegen UN-Beobachter, sagt
Präsident Bagapsch, aber die Mission dürfe nicht "Mission in Georgien" heißen.
Abchasien sei nicht Georgien und werde auch nie wieder dazu gehören.
Hauptsache, in Frieden leben
"Nach allem, was geschehen ist, gibt es kein
Zurück. Georgien muss verstehen, dass die Abchasen einen eigenen Staat wollten
und ihn bekommen haben", sagt Bagapsch. Bitter ist das vor allem für die etwa
60.000 Georgier, die noch im Süden Abchasiens leben. In der Kleinstadt Gali
stehen Kioske, an denen georgische Frauen Süßigkeiten, Grundnahrungsmittel und
Spielzeug verkaufen . Natürlich würden sie gern zu Georgien gehören, sagen die
Georgier in Abchasen, aber: "Wenn wir schon hier leben, dann richten wir uns
nach ihren Gesetzen, nach den abchasischen. Wir werden uns schon aneinander
gewöhnen. Es ist doch egal, wer hier der Chef ist, ein Georgier, ein Russe oder
ein Abchase. Hauptsache, wir können in Frieden leben. Das reicht uns."
Der UN-Sicherheitsrat berät am Freitag
(13.02.2009) über eine Verlängerung des Mandatsfür die abtrünnige georgische
Region Abchasien. Gesine Dornblüth
12.12.2009 SW-World
***
Die "russische Sicht" auf die Probleme der Welt
SAMOWA(H)RHEITEN Botschaftsrat Wladimir Alexandrowitsch Pjatin stellt sich
in Wittenberg zahlreichen Fragen zu Politik und Wirtschaft seines Landes.
VON KARINA BLÜTHGEN,
05.02.09, 19:43h
WITTENBERG/MZ. Der Titel der neuesten "Samowa(h)rheiten" hatte
viel Interesse geweckt. "Russland gibt Gas" hatte die
Deutsch-Russländische Gesellschaft in Wittenberg die Diskussion
überschrieben, und so ging es am Mittwoch im Malsaal des Cranachhauses
nicht nur um wirtschaftliche Interessen, eben das Erdgas, sondern auch
um politische Kooperationen, Konflikte und Lösungen.
Es ging aber auch um unterschiedliche Sichtweisen aus beiden
Staaten auf scheinbar einfache Dinge. Wladimir Alexandrowitsch Pjatin,
Botschaftsrat der Russischen Föderatin, verdeutlichte vor allem das
komplizierte Verhältnis Russlands zu den ehemaligen Sowjetrepubliken.
"Wir haben seit längerer Zeit im GUS-Raum einen freien Markt", sprach
er besonders den Gas-Streit mit der Ukraine an. "Die Zeiten des
besonderen Verhältnisses beider Staaten sind vorbei. Wir sollten in
erster Linie an uns denken." Nicht nur Kunden in Mittel- und
Westeuropa hatten unter dem Lieferstopp gelitten. "Wir hatten dadurch
zwei Milliarden Euro weniger Einnahmen", machte Pjatin deutlich.
Denn so wie Deutschland abhängig von Gas- und Öl-Importen sei,
so ist Russlands wichtigster Exportartikel eben Energie. Schon durch
die Transportwege sei Russland auf Europa festgelegt. Und im Gegensatz
zur Durchleitung in Weißrussland, wofür ein Konsortium gegründet
wurde, sei dies mit der Ukraine nicht gelungen. Andererseits sei
Deutschland der wichtigste Wirtschaftspartner weltweit. Die stabile
Partnerschaft beider Staaten stütze sich allerdings nicht nur auf
politische und wirtschaftliche Verbindungen, sondern auch Bildungs-
und Kulturaustausch sowie menschliche Kontakte.
Über 70 Gäste waren der Einladung der Deutsch-Russländischen
Gesellschaft gefolgt und wollten mehr über die "russische Sicht" zu
erfragen. Etwa zum Konflikt im Kaukasus, in Abchasien und Südossetien.
"Historisch gesehen ist Georgien kein einheitlicher Staat wie andere",
erklärte Botschaftsrat Pjatin. Ursprünglich hätten sich dort die
Völker einmal zum Schutz vor den Türken vereinigt. Viele Bürger in
Abchasien und Südossetien hätten die russische Staatsbürgerschaft,
doch hatten zwei Referenden in Abchasien ergeben, dass 80 Prozent der
Einwohner für die Unabhängigkeit sind. "Aber ein Staat mit 300 000
Einwohnern - wie soll das gehen?", so Pjatin.
Schon in der Einleitung war Heinz Wehmeier von der
Deutsch-Russländischen Gesellschaft kurz auf Meinungen und Stimmungen
in Deutschland und Europa eingegangen. "Es gibt eine gewisse Distanz,
auch weil zum Teil nur ungenügende Informationen über das Russland von
heute bekannt sind", meinte er und hinterfragte Schlagworte wie
Meinungsfreiheit und Instanz der Moral. Natürlich wünsche sich manch
einer eine schnellere wirtschaftliche Entwicklung. "Aber das braucht
Zeit. Wir benötigen Leute, die marktwirtschaftlich etwas realisieren
können", gab auch Pjatin zu. Immerhin leide Russland durch den seit
geraumer Zeit eingerichteten Stabilisationsfonds weniger unter der
Weltwirtschaftskrise als andere Staaten.
Doch wäre Wladimir Alexandrowitsch Pjatin nicht Diplomat, hätte
er nicht auch auf die Frage nach der schlechten Aufklärungsquote von
politischen Morden eine Antwort. "Sie nennen es politische Morde",
entgegnete er dem Fragesteller. "Bei uns in Russland werden sie nicht
so verstanden." Gerade Journalisten zögen durch ihre Tätigkeit ("Sie
wissen nicht, womit sich diese Leute beschäftigen.") die
Aufmerksamkeit auf sich. "Hier ist ein Rechtsstaat", wies er auf
Deutschland. "Wir werden dafür noch mindestens zwanzig Jahre
brauchen."
Über eine Stunde beantwortete Pjatin geduldig die Fragen aus
dem Auditorium, auch zum neu sich anbahnenden Verhältnis zu den USA.
"Jetzt ist eine neue Generation an die Macht gekommen, dort wie bei
uns." Eine Abrüstung läge im beiderseitigen Interesse. Nicht zuletzt
seien beide Staaten aufeinander angewiesen, vor allem was Afghanistan
und den Irak betrifft.
Mitteldeutsche Zeitung
***
Aufarbeitung des Kaukasuskonflikts
Georgien, Russland, Abchasien und Südossetien ein
halbes Jahr danach
Von Gesine Dornblüth
Abchasien und Südossetien gehören völkerrechtlich
zu Georgien. Einst bildeten alle gemeinsam die Sowjetrepublik Georgien. Als
Georgien sich Anfang der 90er Jahre für unabhängig erklärte, wollten die
Abchasen und Südosseten nicht mitmachen und riefen jeweils einen eigenen Staat
aus. Das war die Geburtsstunde des Kaukasuskonflikts.
Im Vorzimmer des Abchasischen Präsidenten läuft
der Fernseher. Alchaz Tscholokua, ein Mitarbeiter der Pressestelle, sitzt hinter
seinem Laptop. Das hat er gleich zweimal mit demselben Aufkleber versehen: Der
Fahne Abchasiens mit einer erhobenen weißen Hand vor grün-weißem Hintergrund.
Darüber stehen die Ziffer 15 und zwei Abchasische Wörter.
"Aiaaira. Mit zwei a. Aiaaira. Das heißt Sieg. Im
letzten Jahr war es 15 Jahre her, dass das abchasische Volk die Georgier besiegt
hat. Apsny ist der Name Abchasiens auf Abchasisch. Die weiße erhobene Hand auf
der Fahne begrüßt diejenigen, die in guter Absicht zu uns kommen."
Zurzeit sind das vor allem Russen. Denn Russland ist Abchasiens Verbündeter in
dessen Unabhängigkeitskampf gegen die Georgier. Im vergangenen August hat
Russland Abchasien als unabhängigen Staat anerkannt, kurz darauf folgte
Nicaragua. Den Rest der Weltgemeinschaft hat Abchasien zur Zeit gegen sich. Der
Präsident des Pseudo-Staates, Sergej Bagapsch, nimmt es gelassen.
"Im Prinzip reicht uns in dieser Phase - die
Anerkennung durch Russland und Nicaragua. Ich hoffe, Weißrussland, Kuba, und
einige afrikanische Staaten kommen demnächst dazu. Was die Anerkennung durch
Europa betrifft, werden wir das nicht forcieren. Wir müssen Europa und der Welt
jetzt beweisen - und das können wir -, dass wir einen zivilisierten Staat
aufbauen können. Wir müssen uns das Vertrauen der Europäer erarbeiten."
Auslöser für die Anerkennung Abchasiens durch Russland war der Krieg um die
gleichfalls von Georgien abtrünnige Region Südossetien im vergangenen August.
Auch Südossetien wurde von Russland als unabhängiger Staat anerkannt.
Beide Gebiete gehören völkerrechtlich zu Georgien. Einst bildeten alle gemeinsam
die Sowjetrepublik Georgien. Als Georgien sich Anfang der 90er Jahre für
unabhängig erklärte, wollten die Abchasen und Südosseten nicht mitmachen und
riefen jeweils einen eigenen Staat aus. Die georgische Regierung schickte
Militärflugzeuge und Truppen. Russische Verbände kamen den Separatisten gegen
die Georgier zu Hilfe. Tausende Menschen starben.
Aus Abchasien wurden damals rund 250.000 Georgier vertrieben. Nur ein Fünftel
von ihnen konnte bisher zurückkehren. Die Abchasen stellen seit den
Vertreibungen die Bevölkerungsmehrheit, und die wollen sie nicht wieder an die
Georgier verlieren.
In Abchasien sorgte 1994 ein Waffenstillstandsabkommen für weitgehende Ruhe und
für ein friedliches Nebeneinander. Den Konflikt löste es jedoch nicht. Eine
GUS-Friedenstruppe, mehrheitlich russische Soldaten, sicherte fortan den
Waffenstillstand; sie wurde ihrerseits von unbewaffneten UN-Blauhelmen
beobachtet.
In Südossetien gab es eine ähnliche Konstruktion. Nur waren dort nicht die
Vereinten Nationen, sondern die Beobachter der OSZE vor Ort.
Lange Zeit waren die Konflikte "eingefroren". 2004 wurde in Georgien Mikheil
Saakaschwili Präsident. Er wollte die abtrünnigen Gebiete zurückholen - notfalls
mit Gewalt. Der ehrgeizige Präsident mit engen Verbindungen nach Washington
festigte den Staat, bekämpfte die Korruption im Land und - rüstete auf. Seit
seinem Amtsantritt betont er immer wieder zwei Ziele: Georgien zu einen und es
so schnell wie möglich in die Nato zu führen.
Saakaschwilis radikal westlicher Kurs provozierte den Kreml. Russlands Präsident
Vladimir Putin reagierte auf seine Art und verstärkte die Unterstützung für die
Separatisten in Georgien. Abchasen und Südosseten erhielten russische Pässe.
Parallel dazu kam es vermehrt zu Schießereien und Provokationen in den
Grenzgebieten.
Im August schließlich eskalierte die Situation. Die Georgier griffen Südossetien
an. So die russische Darstellung, die von vielen internationalen Beobachtern
bestätigt wird.
Die Georgier verbreiten eine andere Version. Sie sagen, die Russen hätten den
Einmarsch nach Georgien geplant, und sie hätten sich verteidigen müssen. Diese
Version jedoch halten viele Experten für wenig überzeugend.
Russisches Militär bombardierte Teile Georgiens und besetzte sogenannte
Pufferzonen um Südossetien und Abchasien herum. Das war in den Augen vieler
westlicher Politiker weit überzogen. Auch der russische Militärexperte Aleksandr
Scharawin vom Institut für Politische und Militärische Analysen in Moskau
kritisiert dies:
"Wir hätten unsere Truppen an den Grenzen
Südossetiens und Abchasiens stoppen müssen. So aber hat Russland sich den
Vorwurf eingehandelt, überreagiert zu haben."
Russland begründete sein Eingreifen mit humanitären Gründen. Georgien habe einen
Genozid an den Südosseten verübt, und Russland habe die Südosseten schützen
müssen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezweifelt das. Sie
hat mehrere hundert Interviews mit Georgiern und Südosseten geführt. In einem
Ende Januar vorgestellten Bericht kommen die Menschenrechtler zu dem Ergebnis,
dass sich besondere Gräueltaten der georgischen Seite nicht beweisen ließen.
Fest steht jedoch, dass der Krieg Russland genützt hat. Russland hat die
GUS-Friedenstruppen in Südossetien und Abchasien aufgelöst und an ihrer Stelle
drei- bis siebentausend reguläre Soldaten in die Gebiete geschickt. Die genaue
Zahl ist nicht bekannt. Der russische Militärexperte Aleksandr Scharawin:
"Russland hat jetzt in Südossetien einen Brückenkopf
südlich des Gebirgskamms des Kaukasus. Es kontrolliert den Roki-Tunnel, also die
Verbindungswege zwischen Süd- und Nordossetien, es kann also nach Belieben
Nachschub nach Südossetien bringen, und das heißt, Russland hat jetzt ganz
andere Möglichkeiten, auf Georgien militärisch Druck auszuüben."
In Abchasien planen die Russen einen Luftwaffenstützpunkt, und auch für die
Marine eröffnen sich neue Möglichkeiten. Die russische Schwarzmeerflotte liegt
zur Zeit noch im ukrainischen Sevastopol auf der Krim. Der Standort, ein Relikt
aus Sowjetzeiten, belastet die russisch-ukrainischen Beziehungen erheblich. Der
Pachtvertrag auf der Krim läuft 2017 aus. In Abchasien soll nun der ehemalige
sowjetische Militärhafen Otschamschira ausgebaut werden. Er könnte künftig die
russische Schwarzmeerflotte beherbergen.
Vor allem aber haben die Abchasen vom Krieg im August profitiert. Während das
georgische Militär in Südossetien gebunden war, eroberten sie kurzerhand die
Kodori-Schlucht an der Grenze zu Georgien zurück. Die war bis dahin von
Georgiern kontrolliert worden. Und kurz danach erfüllte sich das, worauf
Abchasen und Südosseten lange gewartet hatten: Russland erkannte beide Gebilde
als unabhängige Staaten an.
Die Perspektiven für die beiden Quasi-Staaten sind freilich unterschiedlich.
Südossetien, kaum größer als das Saarland, liegt eingezwängt zwischen hohen
Bergen. Es hat keine bedeutenden Rohstoffvorkommen, dafür aber eine korrupte
Elite, wie der Russe Aleksandr Scharawin vom Institut für Politische und
Militärische Analysen betont.
"Vor allem die politische Führung mit Eduard Kokoity
an der Spitze weckt keinerlei Sympathien, nicht mal bei der Regierung Russlands.
Das ist ein Mann mit einer finsteren Vergangenheit und einer finsteren
Gegenwart. Während des Krieges ist er aus Zchinvali geflohen. Das sagt vieles.
Dieser Mann hat Südossetien nicht weniger geschadet als die georgische Armee.
Sogar die Finanzhilfen aus Russland für den Wiederaufbau von Wohnungen und für
Lebensmittel und Medizin werden gestohlen. Selbständig existieren kann dieses
Land nicht. Ohne Hilfe aus Russland werden die Leute nichts zu essen haben,
keinen Strom, kein Gas, nichts. Denn dort gibt es keine Staatlichkeit."
Die Südosseten sagen selbst mehr oder weniger offen, dass sie eine Vereinigung
mit Nordossetien anstreben. Nordossetien gehört zu Russland, Südossetien würde
damit Teil der Russischen Föderation. Mira Zchovrebova unterrichtet Englisch an
der Universität der südossetischen Hauptstadt Zchinvali.
"Wir möchten unabhängig sein, zumindest eine
Zeitlang. Wir wissen nicht, wie lange. Das wird sich zeigen."
In Abchasien ist die Situation anders. Hier fanden vor vier Jahren
Präsidentenwahlen statt, bei denen die Bevölkerung ihren Wunschkandidaten,
Sergej Bagapsch, gegen einen von Moskau unterstützten Konkurrenten durchsetzen
konnte. Gewählt wurde er mit Stimmen der georgischen Minderheit in Abchasien.
Die Wahl hat den Menschen Vertrauen in die Demokratie gegeben und die
Zivilbevölkerung gestärkt, erzählt Liana Kvartschelia vom Zentrum für humanitäre
Programme in der abchasischen Hauptstadt Suchumi. Die Organisation wird unter
anderem von der Europäischen Kommission finanziert und setzt sich für die
Demokratisierung Abchasiens ein. Liana Kvartschelia:
"Natürlich haben wir viele Probleme. Vor allem beim
Gerichtssystem. Die Justiz ist nicht unabhängig. Aber wir haben unter sehr
schwierigen Bedingungen staatliche und demokratische Institutionen geschaffen,
die einigermaßen funktionieren. Wir haben in Abchasien eine recht aktive
Zivilgesellschaft, die in wichtigen Fragen mitbestimmt. Und wir haben
unabhängige und oppositionelle Zeitungen, die die Regierung scharf kritisieren."
Und anders als Südossetien hat Abchasien auch wirtschaftliches Potenzial. Da ist
vor allem der Tourismus. Zu Sowjet-Zeiten kamen hunderttausende Urlauber an die
abchasischen Schwarzmeerstrände. Daran will Abchasien anknüpfen.
Dazu kommen die Olympischen Winterspiele 2014 im südrussischen Sotschi. Sotschi
liegt nur zehn Autominuten von Abchasien entfernt, die Abchasen hoffen auf
Aufträge.
Außerdem erwarten sie umgerechnet rund 50 Millionen Euro Finanzhilfen aus
Moskau. Und damit wollen sie die zerstörte Republik wieder aufbauen, berichtet
der Präsident, Sergej Bagapsch.
"Wir werden eine Zementfabrik bauen und Schotter und
anderes Baumaterial fördern. Im Agrarbereich planen wir Gewächshäuser auf einer
Fläche von 20 Hektar, in Otschamschira werden wir eine Fabrik für Fischmehl
errichten und vieles mehr."
Georgien kommt bei all diesen Planungen nicht vor. Es werde keine Gespräche mit
der Regierung Saakaschwili geben, heißt es einstimmig bei der abchasischen
Führung. Und auch die Menschenrechtlerin Liana Kvartschelia sagt:
"Georgien muss nachdenken und erklären, unter
welchen Bedingungen es bereit wäre, Abchasien anzuerkennen. Wir haben sogar, als
wir vollkommen isoliert waren und Russland sogar Wirtschaftssanktionen gegen uns
verhängt hatte, gesagt, dass wir nicht zurück nach Georgien wollen. Nachdem
Russland uns nun anerkannt hat, braucht niemand mehr zu hoffen, dass die
abchasische Gesellschaft ihre Meinung ändert."
Georgien aber betrachtet Abchasien auch jetzt noch als sein Staatsgebiet -
ebenso wie Südossetien. Das Parlament in Tiflis hat im Oktober ein Gesetz
beschlossen, das Abchasien und Südossetien zu von Russland besetzten Gebieten
erklärt. Wirtschaftliche Tätigkeiten dort stehen demnach unter Strafe, und
Ausländer dürfen Abchasien oder Südossetien nicht von Russland aus betreten. Die
stellvertretende Außenministerin Georgiens, Nino Kalandadze.
"Solange wir von russischen Truppen in Georgien
okkupiert sind, da können wir nicht mit russischen Vertretern in den sogenannten
separatistischen Regionen reden. Es gibt nur einen Gegner, und das ist Russland."
Die Außenminister Georgiens und der USA haben Anfang Januar, noch unter der
Präsidentschaft von George Bush, ein Abkommen über strategische Partnerschaft
unterzeichnet. Die USA verpflichten sich darin, die georgische Armee zu
modernisieren und die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu erhöhen.
Die internationale Gemeinschaft steht zurzeit mehrheitlich hinter Georgien.
Staats- und Regierungschefs der EU beteuern, sie würden Südossetien und
Abchasien niemals anerkennen. NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer zum
Beispiel hat Russland dazu aufgerufen, die Anerkennung der beiden georgischen
Gebiete rückgängig zu machen. Das kommt nicht in Frage, entgegnet Andrej Klimov,
der stellvertretende Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses in der russischen
Staatsduma. Er spricht von "neuen Realitäten" im Südkaukasus.
"Russland hat mehrfach erklärt, dass unsere
Entscheidung endgültig ist. Aus der Perspektive kurzsichtiger Brüsseler
Bürokraten, die gerade mal drei Broschüren gelesen haben und sonst nichts weiter
wissen wollen, mag die Sache anders aussehen. Aber wir haben eine längere
diplomatische Erfahrung als die EU und als Amerika, und wenn man die
berücksichtigt, dann erweist sich unsere Position als richtig."
Die EU hat nach dem Krieg Beobachter nach Georgien geschickt. Seit Oktober
patrouillieren mehr als 200 EU-Beamte an den Grenzen um Abchasien und
Südossetien. Eigentlich ist die European Monitoring Mission, EUMM, für ganz
Georgien zuständig, also - nach Auffassung der EU - auch für Südossetien und
Abchasien. Dort erhalten sie aber keinen Zutritt. Die Begründung der
Separatisten: Abchasien und Südossetien gehörten nicht mehr zu Georgien, deshalb
hätten die EU-Beobachter dort nichts zu suchen.
Dahinter steht ein tiefes Misstrauen gegenüber den Europäern. Maxim Gundschia
ist der stellvertretende Außenminister von Abchasien.
"Wir sind auf der Hut, denn wir glauben, dass die
EU-Mission hier vor allem politisch aktiv werden will, anstatt für Sicherheit zu
sorgen. Außerdem hätten wir keinen Zugang zu den Berichten der EU-Mission."
Mehr als der EU vertrauen die Abchasen den Vereinten Nationen. Deren
Beobachtermission in Abchasien, die UNOMIG, hat sich in den vergangenen 15
Jahren weitgehend neutral verhalten und sowohl Verstöße der Abchasen und
GUS-Truppen, als auch Verstöße der Georgier gegen das Waffenstillstandsabkommen
veröffentlicht.
Zur Zeit hängt die UNOMIG in der Luft. Ihre eigentliche Aufgabe, die
GUS-Friedenstruppen zu beobachten, kann sie nicht wahrnehmen, denn es gibt keine
GUS-Friedenstruppen mehr.
In diesem Monat entscheidet sich, wie es mit der UN-Mission in Georgien
weitergeht. Dann muss der UN-Sicherheitsrat das Mandat der Mission verlängern.
Bei allem Wohlwollen für die UNOMIG bestehen die Abchasen darauf, den Namen der
Mission zu ändern. Denn die Buchstaben "i" und "g" in "UNOMIG" stehen für "in
Georgien". Es sei aber eine Mission "in Abchasien". Die Separatisten bekommen
Schützenhilfe aus Moskau. Andrej Klimov vom Auswärtigen Ausschuss in der
russischen Staatsduma:
"Ich glaube nicht, dass die russische Regierung
gegen die Tätigkeit von UN-Friedenstruppen oder Beobachtern in Abchasien und
Südossetien stimmen wird. Aber wenn die Mission "Mission in Georgien" heißen
wird, dann muss sie in Georgien sein. Und das georgische Gebiet endet aus
russischer Sicht dort, wo Abchasien und Südossetien anfangen."
Für die Europäer ist das unannehmbar. Wie die Verhandlungen um das UN-Mandat
ausgehen, ist völlig unklar. Ende des vergangenen Jahres war bereits das Mandat
der OSZE-Mission in Georgien nicht verlängert worden. Russland hatte darauf
bestanden, zwei Missionen zu gründen: Eine in Georgien und eine in Südossetien.
Dabei werden internationale Beobachter dringend benötigt. Beinahe täglich kommt
es im Grenzgebiet zu den Separationsgebieten zu Zwischenfällen - mit Toten und
Verletzten. Auch die EU-Beobachter gerieten unter Beschuss. Naturgemäß schieben
die Konfliktparteien dem jeweils anderen die Schuld dafür in die Schuhe.
Immerhin haben sich die verfeindeten Parteien, Georgier, Russen, Südosseten und
Abchasen, mittlerweile zu Verhandlungen bereit erklärt - wenn auch halbherzig.
Unter Vermittlung der EU, der Vereinten Nationen und der OSZE treffen sie sich
alle paar Wochen in Genf, um über Fragen der Sicherheit und der Flüchtlingshilfe
zu sprechen. Von Lösungen sind sie allerdings weit entfernt. Es gilt schon als
Erfolg, wenn alle an einem Tisch sitzen.
02.02.2009 Deutschlandfunk
***
Südossetien
Humanitäre Lage weiter ernst
Fünf Monate nach dem Konflikt zwischen
Georgien und Russland ist die humanitäre Situation in Südossetien weiter
angespannt. Viele Flüchtlinge können noch immer nicht in ihre Häuser zurück.
Außerdem wird das Entfernen der Landminen noch bis zum Sommer andauern, was
die humanitäre Hilfe erschwert.
Rund fünf Monate nach dem Konflikt zwischen
Georgien und Russland ist die humanitäre Lage in den betroffenen Regionen
weiterhin sehr ernst. Mehr als 20.000 Menschen, die während der Kämpfe in
der abtrünnigen georgischen Provinz Südossetien nach Georgien geflüchtet
seien, könnten noch immer nicht in ihre Häuser zurückkehren, sagte der
Menschenrechtsbeauftrage des Europarats, Thomas Hammarberg, am Mittwoch vor
der Parlamentarischen Versammlung der Organisation in Straßburg.
Außerdem gebe es noch zahlreiche Landminen,
die entfernt werden müssten, sagte Hammarberg. Dies werde vermutlich bis zum
Sommer dauern. Eine der Folgen des Konflikts sei daher, dass Bauern wegen
der Minengefahr ihre Felder nicht bestellen könnten. Zudem werde die Arbeit
von Hilfsorganisationen erschwert, weil diese nicht oder nur unter
Schwierigkeiten nach Südossetien gelangen könnten. Nach Angaben Hammarbergs
wird eine Delegation des Europarats in zwei Wochen erneut in die Region
reisen, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Während einer mehrstündigen Debatte wurde
massive Kritik an Russland laut, das Südossetien unterstützt und einseitig
dessen Unabhängigkeit anerkannt hat. Moskaus Politik erinnere an die der
früheren Sowjetunion, sagte die finnische Konservative Tuulikki Ukkola.
Russland solle sich endlich entscheiden, ob es das Völkerrecht einhalten
oder weiterhin „Supermacht spielen“ wolle. Der britische Sozialist Donald
Anderson forderte Russland auf, der EU-Mission vollen Zugang zu Südossetien
zu gewähren. Moskau isoliere sich mit seinem Verhalten international.
Mehrere georgische Abgeordnete sprachen von
„ethnischer Säuberung“ in Südossetien und der ebenfalls nach Unabhängigkeit
von Georgien stammenden Provinz Abchasien. Der Chef der russischen
Delegation in der Versammlung, Konstantin Kosachew, wies die Vorwürfe
entschieden zurück. Georgien habe mit seinem militärischen Vorgehen gegen
die Südosseten das Ziel verfolgt, „dieses Volk zu zerstören“. Russland habe
keine andere Wahl gehabt, als den Südosseten zu Hilfe zu kommen.
Der Versammlung lag eine Entschließung vor, in
der Russland und die Provinzregierung von Südossetien aufgefordert werden,
Hilfsorganisationen sowie den EU-Beobachtern freien Zugang zu der
abtrünnigen Provinz zu gewähren. Außerdem wird darin eine Ausweitung der
EU-Mission gefordert. Über die Entschließung sollten die Abgeordneten aus
den 47 Europaratsländern am späten Nachmittag abstimmen. Sowohl Russland als
auch Georgien gehören dem Europarat an. Bei ihrer Aufnahme in die
paneuropäische Organisation hatten sie sich verpflichtet, Konflikte
friedlich zu regeln.
28.01.2009 FOCUS Online
***
Georgien: Ablenken vom innenpolitischen Versagen
Moskau, Michail
Logvinov für RIA Novosti. Die Sicht auf Georgien als Spielball der Großmächte
verfehlt die Realität und verbaut den Weg zur Analyse seiner politischen
Entscheidungsprozesse.
Es ist in den
Medien und geopolitischen Studien zum Usus geworden, die Geschehnisse in
Georgien nach dem Motiv des „Kaukasischen Kreidekreises" zu interpretieren. Die
Fabel eines Ringens der Machtzentren Russland und die USA um den
Transformationsstaat Georgien mit vermeintlich klarer Rollenbesetzung und
geschickt eingesetztem Verfremdungseffekt mag zwar die auf der moralischen
Präsupposition von Beobachtern und Richtern basierende ethische Urteilsbildung
vereinfachen. Dennoch übersieht man bei dieser Perspektivierung, dass Georgien
in der kaukasischen Aufführung ein selbständiger Akteur mit einer strikten
Rollenverteilung ist.
Der Politikwissenschaftlerin Silke Kleinhanß ist
es in ihrem Buch „Die Außenpolitik Georgiens. Ein Failing State zwischen
internem Teilversagen und externen Chancen" (LIT-Verlag, 2008) mit Erfolg
gelungen, hinter die Kulissen des südkaukasischen Dramas zu schauen und Motive
der wichtigsten „Figuren" ins Rampenlicht zu rücken.
Es ist durchaus berechtigt, von externen Akteuren
- der USA und der Russländischen Föderation - zu reden, die strategische
Interessen in Georgien haben. Diese beiden Mächte betreiben engagierte Politiken
gegenüber Tiflis, verfügen über die Mittel der Einflussnahme, betrachten sich
als Bezugspunkte und werden von Georgien als die entscheidenden Pole seiner
außenpolitischen Ausrichtung wahrgenommen (S. 8).
Dennoch dürfen die Determinanten der Außenpolitik
Georgiens nicht übersehen werden, zu denen primär der innenstaatliche und
regionale Kontext zählen. Georgien verfügt über eine schwach ausgeprägte
Staatlichkeit und fungierte im Laufe seiner Unabhängigkeit nie als ein
konsolidierter Staat, der seine Aufgaben in den Bereichen Sicherheit,
Legitimität und Rechtsstaat sowie Wohlfahrt erfüllte (siehe dazu Kap. 3:
Georgien - ein Failing State aufgrund einer gescheiterten Transformation).
Nur vor diesem Hintergrund der innenpolitischen
Schwäche sei der regionale Kontext so bedeutend für die außenpolitische
Orientierung Georgiens, argumentiert die Autorin. Die innenpolitische Dimension
des Failing State gebe gleichzeitig externen Akteuren vielfältige Instrumente
zur Verfolgung ihrer Interessenpolitik und Einflussnahme. „[...] Georgien
[macht] die Interessen der externen Akteure aber auch für sich nutzbar und
[betreibt] so eine Außenpolitik, mit der es zum einen von seinen
innenpolitischen Schwächen ablenken und zum anderen diese zum Teil auch
kompensieren kann" (ausführlich darüber in Kap. 4: Die Interessen und Mittel der
Einflussnahme der Russländischen Föderation und der USA).
Die Autorin zeigt auf, dass die dreifache
Transformation Georgiens in einem multiplen Versagen in den Bereichen der
Nationalstaatsbildung, der Demokratisierung und der marktwirtschaftlichen
Modernisierung mündete. „Dieses multiple Versagen hat zwei wichtige Auswirkungen
auf die Außenpolitik des Staates.
Erstens wird er, um sein Versagen zu kompensieren,
aktive Beziehungen mit wohlhabenderen Staaten eingehen, damit diese ihn mittels
Entwicklungshilfe bei der Erfüllung seiner Staatsaufgaben unterstützen. Zweitens
wird der Staat eine Außenpolitik betreiben, die von seinem Versagen im Inneren
ablenkt. Dies kann zum einen erfolgen, indem der Akteur eine Außenpolitik
verfolgt, die ihm international hohes Prestige verschafft, oder er wird eine
Außenpolitik betreiben, deren Ziel es ist, einen externen Sündenbock für das
innenpolitische Versagen zu finden", so die Autorin (S. 19-20).
Im Falle Georgiens kamen beide Strategien zur
Geltung. Zur Erklärung der nach innen gerichteten und der Legitimierung des
politischen Systems dienenden Entscheidungsfindung des südkaukasischen
Transformationslandes biete sich das Modell des dramatic actor an. Demzufolge
agiert der „dramatische Akteur" nicht aufgrund eines Kosten-Nutzen-Kalküls, um
außenpolitische Ergebnisse zu erzielen, sondern folgt der innenpolitischen Logik
und erfüllt den individuellen Zweck einer Selbstpräsentation.
„Zusammengefasst wird Außenpolitik gemäß des
dramatic actor Modells von Individuen mit dem Ziel betrieben, die eigene
Legitimität zu erhöhen, indem das nation-bilding untermauert und
innenpolitisches Versagen durch Entwicklungshilfe gemindert oder durch
Außenpolitik von ihm abgelenkt", behauptet die Politikwissenschaftlerin (S. 21).
Kleinhanß Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass
das anti-russische Paradigma bereits der Außenpolitik Gamsachurdias innewohnte.
Besonders deutlich trete dieses in Verbindung mit den Auseinandersetzungen um
die abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien zutage. Die Autorin macht
deutlich, wie es Tiflis unter Schewardnadse gelang, eine russozentrische Sicht
des Abchasienkrieges durchzusetzen.
„Russland wird zum alleinigen Sündenbock gemacht,
der die Verantwortung für die Situation in Abchasien und für das Versagen
Georgiens, die Kontrolle über sein gesamtes Staatsterritorium auszuüben, trage.
So habe Russland zum einen Schuld daran, dass Abchasien überhaupt nach
Unabhängigkeit von Georgien strebt, da es die ethnischen Minderheiten gegen
Georgien aufgestachelt habe. Zum anderen sei Russland auch für die Niederlage
der Georgier im Krieg verantwortlich, denn nur durch sein Zutun sei es den
Abchasen gelungen, die georgischen Truppen zu schlagen" (S. 80).
Das Ablenkungsmanöver gelingt - nun ist nicht mehr
von dem misslungenen nation- und state-building die Rede. Das unangenehme Thema
des geringen Leistungsniveaus georgischer Armee ist ebenso vom Tisch. Durch „Russifizierung"
des Krieges verschleierte Tiflis darüber hinaus die fehlende
Konfliktmanagementkompetenz. Bis heute sehe Georgien keine Teilschuld für diese
Entwicklungen bei sich liegen, stellt die Autorin fest (S. 33, 96).
Georgische Außenpolitik war dermaßen erfolgreich,
dass es Tiflis immer wieder gelingt, Moskau auch als Sündenbock nach außen
wirken zu lassen. Dadurch erreicht Georgien das aktivere Engagement der USA, die
die dominante Stellung Russlands in Eurasien zu brechen und Demokratie im
Südkaukasus zu stabilisieren suchen.
Die unterschiedliche Positionierung Georgiens zu
Russland und den USA erklärt Kleinhanß aus innenpolitischer Perspektive und
aufgrund des Prestiges. Während russische Mittel der Einflussnahme aus den
staatlichen Schwächen Georgiens resultieren, bieten die USA Tiflis „eine
Teilhabe an der Macht sowie an den internationalen Beziehungen an und übertragen
ihm Aufgaben, die es mit Stolz erfüllen und sich den USA ebenbürtig fühlen lässt
- Georgien, das seine innere Ordnung nicht selbstständig aufrechterhalten kann,
stellt Truppenkontingente im Kosovo und im Irak, kann damit seine Staatlichkeit
untermauern und erhält das Gefühl, tatsächlich einen Beitrag zur internationalen
Sicherheit zu leisten" (S. 101-102).
Während die US-Regierung die Unabhängigkeit der
NUS von Moskau und deren Staatsaufbau unterstützten, hob Russland dagegen den
wichtigsten Unterschied zwischen dem international anerkannten Staat Georgien
und De-facto-Staaten auf seinem Territorium auf, indem es Abchasien und
Südossetien „eine gewisse Teilhabe an den internationalen Beziehungen"
ermöglichte und dergestalt eine weitere Unterminierung der georgischen
Staatlichkeit vollzog.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass
Russlands Georgien-Politik ihr Ziel verfehlte. Obwohl Moskau als Veto-Akteur zur
Konfliktregelung und damit zur Wiedererlangung der Kontrolle über georgisches
Staatsterritorium durch Tiflis hätte beitragen können, überließ es wegen
falscher Einschätzung der Handlungslogik des dramatic actor das Spielfeld
Washington.
Benutzt man die Metapher des Spielballs, so hat
Moskau selbst einen sauberen Pass gegeben. Die Anerkennung beider abtrünnigen
Republiken macht es der georgischen Regierung weiterhin möglich, sich der
Verantwortung für internes Versagen und den aggressiven Nationalismus mittels
außenpolitischer Ablenkungsmanöver zu entziehen.
Gewiss ist das von Kleinhanß auf die Außenpolitik
Georgiens angewandte Untersuchungsmodell lediglich einer der Ansätze. Dennoch
sei auf seine Schlüssigkeit und Erklärungspotential hinsichtlich der Kluft
zwischen Innen- und Außenpolitik Georgiens hingewiesen.
Die Meinung des Verfassers des Artikels muss nicht
mit der der RIA Novosti übereinstimmen.
26.01.2009
RIA Novosti
***
Erste Signale der Entspannung im Kaukasus
Verhandlungen in der OSZE über neue Mission in
Georgien und den Separatistengebieten beginnen wieder
Wien - Die Zeichen der Entspannung sind spärlich
und mitunter widersprüchlich: ein Besuch eines russischen Gesandten für
internationale kulturelle Zusammenarbeit in Tiflis, ein 45-minütiges Gespräch
des georgischen Patriarchen mit Russlands Präsident in Moskau im Dezember, eine
Predigt desselben Patriarchen zum orthodoxen Weihnachtsfest am Mittwoch, die
wiederum als Kampfansage ausgelegt wird. Georgien wolle Frieden, „aber nicht um
den Preis der Aufgabe unserer Gebiete", fasste Michail Saakaschwili, der
umstrittene Präsident der Kaukasusrepublik, nach dem Kirchenbesuch zusammen.
Zugleich müht sich nun Griechenland, das zum
Jahreswechsel die Präsidentschaft der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa übernommen hat, ein neues Mandat für eine Mission der
OSZE in Georgien auszuhandeln. An Russlands Veto war kurz vor Weihnachten
zumindest eine technische Verlängerung der jetzigen Mission gescheitert, deren
Mandat am 31. Dezember auslief. Die rund 180 Mitarbeiter sollten seither mit der
Schließung ihrer Mission beschäftigt sein, doch der Glaube an eine Einigung mit
Moskau hält sich. Russland will den anderen 55 Mitgliedsstaaten der OSZE die
Anerkennung der Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien abzwingen, den zwei
Separatistenprovinzen, um die Russland und Georgien im August vergangenen Jahres
Krieg geführt hatten.
„Georgien braucht ein starkes Russland, ebenso wie
Russland ein vereintes und glückliches Georgien braucht", hatte Ilia II., der
georgische Patriarch, nach seiner Begegnung mit dem russischen Präsidenten
Dmitri Medwedew erklärt. Der Patriarch gilt als Brückenbauer zwischen den beiden
Staaten, aber auch die Regierung des neuen georgischen Premierministers, des
dritten innerhalb eines Jahres, und insbesondere die Ernennung von Grigol
Waschadse, eines früheren sowjetischen Diplomaten, zum Außenminister lassen mehr
Bereitschaft zum Gespräch mit Moskau erwarten.
Grigol Mgalobischwili, der neue, 35 Jahre alte
Regierungschef, wird diese Woche von einer medizinischen Untersuchung in
Deutschland zurückerwartet. Mgalobischwili, der über Müdigkeit klagte, soll ein
Nierenleiden haben. Die georgische Presse spekulierte schon über seine Ablösung,
nachdem über einen Wutanfall des Präsidenten berichtet worden war: Saakaschwili
soll seinen Premier einen Hieb versetzt und ein Handy nach ihm geworfen haben.
Georgiens Staatschef zeigte sich in seiner
Neujahrsansprache auch gewohnt selbstbewusst. Georgien sei heute näher an einer
Nato-Mitgliedschaft als vor dem russischen Angriff, behauptete Saakaschwili
unter anderem. Am Freitag will Außenminister Waschadse jedenfalls in Washington
eine Charta über eine strategische Partnerschaft mit den USA unterzeichnen; Kiew
tat dasselbe. Die Charta wird als eine Art Trostpreis für den Aufschub des
Nato-Beitritts verstanden. Ähnlich politisch-militärische Abkommen schließt
Moskau auch mit Südossetien und Abchasien ab. Ein neues Mandat der OSZE in der
Region soll deshalb die Konflikte stabilisieren und auf lange Sicht lösen.
Allerdings ist dies der Organisation schon in den vergangenen 16 Jahren ihrer
alten Mission nicht eben gelungen. (Markus Bernath)
08.01.2009 DER STANDARD
***
Mengrelen im
Konflikt zwischen Abchasien und Georgien
Die Volksgruppe der Mengrelen lebt zwischen den
Interessen Abchasiens und Georgiens. Korruption, Rechtlosigkeit und Schikane
sind hier Alltag. Ein "Demokratie-Institut" versucht im Ringen um das eigene
Recht zu helfen.
Margarete Wohlan
Gali-Stadt, ein Ort in Abchasien, nahe der Grenze zu Georgien.
Fahrzeuge des russischen Militärs und der Vereinten Nationen patrouillieren
regelmäßig durch den Ort. Abchasien und Südossetien gehören völkerrechtlich zu
Georgien. Beide Provinzen haben sich jedoch schon vor Jahren für unabhängig
von Georgien erklärt.
Ein Fahrzeug der UN-Mission in der abchasischen Stadt Suchumi (September 2008)
Georgische Truppen griffen Anfang August 2008
Südossetien an. Russland marschierte daraufhin in Georgien ein und erkannte zu
deren Unterstützung die Unabhänigkeit der beiden abtrünnigen Regionen an. Der
Krieg zwischen Russland und Georgien endete mit der Vereinbarung einer
Waffenruhe, die international beobachtet wird.
Gali-Stadt blieb zwar während des Krieges im August verschont, doch die Lage
ist angespannt. Die Gali-Region liegt in der Konfliktzone zwischen dem
georgischen und abchasischen Gebiet. Die Mehrheit der dort lebenden Menschen
sind Mengrelen, eine Volksgruppe, die sich zu den Georgiern zählt. Sie wussten
nicht, wie sich die Kriegsfolgen auf ihre Situation auswirken würden. Ein
Leben in permanentem Ausnahmezustand, zerrissen zwischen abchasischen und
georgischen Interessen, mit ihren Problemen auf sich allein gestellt.
Die Waffen schweigen seit 16 Jahren, immerhin
Die Menschen leiden noch an den Folgen des Krieges, der hier vor 16 Jahren
tobte. Die ausgebrannten Häuser, zerstörten Straßen, verlassenen Landschaften
erinnern sie täglich daran. 1992 hatte Abchasien seine Unabhängigkeit von
Georgien erklärt, worauf die georgische Armee in Abchasien einmarschiert war.
Ein blutiger Kampf begann, der über ein Jahr dauerte. Am Ende gelang es den
Abchasen, die georgischen Truppen aus Abchasien zu verdrängen, mindestens
200.000 Menschen flüchteten nach Georgien. Seit 1994 besteht ein
Waffenstillstandsabkommen, das von den Vereinten Nationen und Russland
kontrolliert wird.
Ortsbesuch in der Gali-Region
Guram Skonia ist unterwegs in der Gali-Region. Er ist in Gali-Stadt
geboren und aufgewachsen, und fühlt sich als Georgier. Anfang des Jahres hat
er ein "Demokratie-Institut" gegründet, das den Menschen hilft,
Rechtlosigkeit, Korruption und Schikanen durch Behörden zu bekämpfen, auf die
man hier überall treffe, so Skonia. Auch internationale Organisationen könnten
hier nichts tun, denn ihr Mandat erlaube es ihnen nicht. "Deshalb haben wir
angefangen, uns dieser Probleme anzunehmen, uns um die Menschen zu kümmern.
Sie vertrauen uns auch eher als Fremden, wenn sie Hilfe suchen", sagt Skonia.
Abchasen sitzen in den Schlüsselpositionen der Behörden
Die Situation in der Gali-Region ist kompliziert: Es gibt keinen
funktionierenden Rechtsstaat, die meisten Positionen in der Verwaltung sind
von Abchasen besetzt. Wenn Georgier oder Mengrelen sich eine Existenz aufbauen
wollen, benötigen sie die Genehmigung der Abchasen - die sie manchmal erteilen
und manchmal nicht, erzählt Skonia.
Aber das sei nicht die einzige Willkür, unter der Mengrelen und Georgier zu
leiden haben. In Harest zum Beispiel gibt es ein großes Haselnuss-Anbaugebiet.
Dorthin kämen dann Leute, erzählt Skonia, die behaupten, von der Regierung zu
sein. "Sie fordern von den Besitzern 200 oder 400 oder noch mehr Kilo
Haselnüsse als Steuerabgabe. Aber es gibt kein Gesetz, dass man so viel
abgeben muss." Es sei ein sehr einfaches Beispiel dafür, sagt er, welche
Probleme die Menschen hier haben.
"Eine Art Mission"
Das Demokratie-Institut kann im bescheidenen Rahmen Anwälte bezahlen, die
in solchen Fällen die Besitzer anleiten, zu Behörden mitgehen und als
Fürsprecher auftreten. Keine leichte Aufgabe - weder für diejenigen, die
schikaniert werden, noch für ihre Helfer. Auch Guram Skonia sagt, er habe
Angst. "Menschenrechte durchzusetzen ist eine sehr problematische Arbeit, bei
der man sehr vorsichtig vorgehen muss. Es ist gefährlich. Aber es gibt keinen
anderen Ausweg, die Probleme der Menschen hier zu lösen. Für uns ist es eine
Art Mission."
Finanziert wird das Demokratie-Institut von Großbritannien, Frankreich,
Deutschland und den USA. Es hat zehn Jahre gedauert, bevor die abchasische
De-facto-Regierung erlaubt hat, es zu gründen. Das Außergewöhnliche daran:
Mengrelen, Abchasen und Georgier arbeiten zusammen.
Wegen häuslicher Gewalt in Gali niemals zur Polizei gehen
Maya Kvaratshela ist eine von ihnen. Sie engagiert sich vor allem in der
Frauenarbeit. Denn die Situation in Gali - das Leben im Ausnahmezustand, in
dem weder Krieg noch Frieden herrscht - prägt auch die Beziehung zwischen den
Geschlechtern. Häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch sind weit verbreitet.
Aber die Frauen sehen keine Möglichkeit, sich zu helfen, erklärt Kvaratshela:
"Wenn eine Frau zur Polizei gehen und darüber sprechen würde - etwas, was in
Gali nie passieren wird - dann würden die Polizisten etwas finden, um die
Täter nicht zu bestrafen. Die Korruption ist in den unteren
Behördenhierarchien sehr hoch, auch bei der Polizei. In den meisten Fällen
stehen sie den Tätern bei."
Maya Kvaratshela weiß, dass sie mit den Informationen, die sie erhält, vor
einem abchasischen Gericht nichts ausrichten kann. Aber zumindest werden die
vier Unterstützer-Staaten und die Vereinten Nationen sowie die georgischen und
abchasischen Verantwortlichen offiziell über die Rechtsverstöße informiert.
Seine Gedanken anders als mit Waffen und Gewalt ausdrücken
Aber das ist nicht der einzige Grund, warum sie sich engagiert. Der
Konflikt sei sehr kompliziert und berührt das Leben vieler Menschen, sagt sie.
"Ich fühle mich verpflichtet, etwas zu tun, mit der Gemeinschaft, die mich
umgibt. Den Menschen zeigen, dass es möglich ist, seine Gedanken anders
auszudrücken als mit Waffen und Gewalt."
01.01.2009 Deutsche Welle
***
Potemkinsche Militärreform
„Weit verbreitetes Missmanagement,
unqualifizierte Führung und Bedarf an weitreichender Reform“ – mit diesen
drastischen Worten fasste die New York Times einen vertraulichen Bericht des
Pentagon über den Zustand der georgischen Armee zusammen, welcher der
renommierten Tageszeitung in Auszügen zugespielt wurde. Nachdem die
Streitkräfte der Südkaukasusrepublik bereits im August 2008 durch einen
„Fünf-Tage-Krieg“ gegen Russland in ihren Grundfesten erschüttert worden
waren, kratzt dieser Bericht weiter am einstigen Prestigeprojekt der
georgischen Führung. Trost spenden sollen nun allerdings fortgesetzte
US-Militärhilfe und ein bilaterales Partnerschaftsabkommen mit den
Vereinigten Staaten, dessen Unterzeichnung noch vor dem Amtsantritt Barack
Obamas geplant ist.
Von Johannes Wetzinger EM 01-09 ·
01.01.2009
in
vertraulicher Bericht des Pentagon, der im Dezember in Auszügen an die
Öffentlichkeit gelangte, rückt die Entwicklung der georgischen Streitkräfte
in ein schlechtes Licht: „Weit verbreitetes Missmanagement, unqualifizierte
Führung und Bedarf an weitreichender Reform“, fasste die New York Times die
Einschätzungen des Pentagon zusammen. Dabei hatte sich der georgische
Präsident Michail Saakaschwili alles anders vorgestellt, als er im Jahr 2004
die Macht übernahm: Georgien müsse die eigenen Streitkräfte stärken, um das
Image eines Sicherheitsproblems loszuwerden – und um gleichzeitig eine
bessere „Verhandlungsposition“ im Konflikt mit den abtrünnigen Gebieten
Abchasien und Südossetien zu erlangen. Nach nunmehr fünf Jahren im Amt ist
davon nicht viel geblieben: Ein fataler Krieg gegen Russland im August 2008
hat die Streitkräfte in ihren Grundfesten erschüttert. Die abtrünnigen
Gebiete sind nach den Kampfhandlungen vom vergangenen Sommer und der
einseitigen Anerkennung durch Moskau wohl dauerhaft verloren, und ein von
Saakaschwili sehnlich erhoffter Nato-Beitritt ist mittelfristig nicht in
Sicht.
Flucht nach vorne – Georgien rüstet auf
Als Michail Saakaschwili im Jahr 2004 die Macht in
der Südkaukasusrepublik übernahm, stand er sicherheitspolitisch vor einem
Scherbenhaufen. Zu einem der großen Probleme gehörte dabei der Zustand des
Militärapparats: Unter seinem Vorgänger Eduard Schewardnadse hatte der
Verteidigungsetat weniger als 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.
Infolge der chronischen Unterfinanzierung wurden Löhne an Armeeangehörige, wenn
überhaupt, nur verspätet ausbezahlt. Selbst eine elementare Grundversorgung der
Soldaten galt nicht als gesichert: Mangelernährung, unzureichende medizinische
Versorgung und desaströse Zustände in den Unterkünften führten wiederholt zu
Aufständen. Auch die Ausrüstung befand sich in einem katastrophalen Zustand.
Michail Saakaschwili setzte hier auf eine Flucht nach vorne: Hatte der
Verteidigungshaushalt im Jahr 2003 noch rund 30 Millionen US-Dollar betragen,
waren im Jahr 2007 bereits 922 Millionen US-Dollar erreicht – ein
Verteidigungsetat, der mit mehr als 7 Prozent des Bruttoninlandsprodukts weit
über Nato-Standards von zwei bis drei Prozent liegt. Mit diesen großzügigen
Finanzmitteln wurde Militärgerät angekauft, in eine Modernisierung der
Infrastruktur investiert und das Lohnniveau angehoben.
Aufrüstung sorgte für Angst in abtrünnigen
Gebieten
Am Höhepunkt des Rüstungsprojekts hatte das
Verteidigungsbudget beinahe ein Drittel des Staatshaushalts erreicht. Während
Georgien versuchte derartige hohe Ausgaben mit einem angestrebten Nato-Beitritt
zu legitimieren, zeigte man sich beim nordatlantischen Militärbündnis weniger
erfreut über derartig unbalancierte Ausgaben. In georgischen Medien wurde
wiederholt über die unsachgemäße Verwendung von Geldern spekuliert. Diese
Mutmaßungen wurden dadurch begünstigt, dass es sich bei den so genannten
„Machtministerien“ um äußerst geschlossene Strukturen handelt und eine Kontrolle
der Prozesse von außen kaum möglich ist. Ein georgischer Sicherheitsexperte
identifizierte im vertraulichen Gespräch gar einen „Staat im Staat“. Unter
internationalen Beratern sorgte ein weiterer Aspekt für Beunruhigung: Georgien
erhöhte unter Michail Saakaschwili die Personalstärke seiner Armee von rund
20.000 auf knapp 30.000 Mann, was für ein Land in der Größe der
Südkaukasusrepublik wiederholt als unverhältnismäßig kritisiert wurde. Doch die
georgische Führung ließ sich in ihrem Aufrüstungsvorhaben nicht beirren. Das
ambitionierte Projekt wurde in Verbindung mit der nationalistischen Rhetorik
Saakaschwilis in den separatistischen Gebieten Abchasien und Südossetien
zweifellos mit Argusaugen beobachtet – begann Tiflis doch mit dem Bau neuer
Basen nur unweit der beiden Gebiete, die sich Anfang der 90er-Jahre in blutigen
Kriegen von der Zentralregierung losgesagt hatten.
Millionenschwere US-Hilfe
Auch Moskau blickte mit zunehmender Sorge an seine
südliche Flanke: Die USA sahen in Michail Saakaschwili einen treuen Verbündeten
und machten sich daran, dauerhaft im Südkaukasus Fuß zu fassen. Bereits unter
Eduard Schewardnadse hatten die Vereinigten Staaten damit begonnen, in die
Stärkung des georgischen Militärs zu investieren. Im Rahmen des so genannten
„Georgia Train and Equip Program“ (GTEP) flossen 64 Millionen US-Dollar in
Ausbildung und Ausrüstung ausgewählter Einheiten. Hintergrund des 2002
gestarteten Projekts war die sich verschlechternde Lage im nordgeorgischen
Pankisi-Tal, das von tschetschenischen Kämpfern – und einigen Berichten zufolge
auch von internationalen Terrornetzwerken – als Rückzugsraum genützt wurde.
Unter dem neuen Präsidenten Michail Saakaschwili wurde die Militärhilfe weiter
ausgebaut. Nach dem Auslaufen von GTEP im Jahr 2004 wurde rasch ein Folgeprojekt
mit dem Titel „Sustainment and Stability Operations Program“ (SSOP) aus der
Taufe gehoben. Ziel war die Ausbildung von georgischen Soldaten für den Einsatz
im Irak, wo sich die ehemalige Sowjetrepublik selbst in schwierigen Zeiten zu
einem engagierten Geber entwickelte: Mit 2000 Soldaten stellte Georgien im
Vergleich zur eigenen Landesgröße eines der umfassendsten Kontingente.
Ein Blick hinter die potemkinsche Fassade
Die Modernisierungsbemühungen wurden durch eine
PR-Kampagne begleitet, die das schlechte Ansehen der Armee in der Bevölkerung
verbessern sollte – etwa durch eine vom regierungsnahen Fernsehsender Rustawi-2
übertragene Reality-Show aus dem Stützpunkt Muchrowani. Dass hinter dieser
potemkinschen Fassade jedoch ein anderes Bild vorherrscht, offenbarte der im
Dezember in Auszügen bekannt gewordene Pentagonbericht über den Zustand des
georgischen Militärs: Kritisiert werden etwa impulsive Entscheidungsfindung und
unklare Kommandoketten. Die Personalrekrutierung beruhe nicht auf Qualifikation,
sondern auf persönlichen Loyalitäten und in der Führungsetage stünden häufige
Wechsel an der Tagesordnung. Dem georgischen Militär fehle es bisher noch an
elementaren Grundlagen einer modernen Militärbürokratie. Der Bericht habe laut
New York Times implizit klargemacht, dass die georgischen Streitkräfte trotz
langjährigem US-Training und intensiven Investitionen unter Saakaschwili
weiter„unterentwickelt und schlecht vorbereitet“ blieben – eine Einschätzung,
die sich auch im „Fünf-Tage-Krieg“ Anfang August 2008 offenbart hatte: Nach
Saakaschwilis fatalem Entschluss zum Vormarsch auf das abtrünnige Gebiet
Südossetien erlebte die ehemalige Sowjetrepublik ein blaues Wunder. Russland,
das Südossetien zu Hilfe eilte, zwang die georgische Armee binnen kürzester Zeit
in die Knie. Der renommierte Think-Tank „International Crisis Group“ berichtet
von Mängeln bei Planung, Versorgung und Kommunikation, die in eine rasche
Demoralisierung der Truppen geführt habe.
Rüstungspolitik hat Chancen verbaut
Georgien hat mit den hohen Aufwendungen für den
Sicherheitsapparat bisher wenig gewonnen. Die forcierte Aufrüstung in Verbindung
mit einer nationalistischen Rhetorik hat das Verhältnis zu den beiden
abtrünnigen Gebieten nachhaltig gestört und den Weg einer friedlichen
Konfliktlösung verbaut – mit dem Ergebnis, dass Abchasien und Südossetien fünf
Jahre nach dem Amtsantritt von Michail Saakaschwili weiter von georgischer
Kontrolle entfernt sind als je zuvor. Gleichzeitig hat die einseitige
Westorientierung und enge Bindung an Washington die Möglichkeiten für eine
Entspannungspolitik mit Moskau eingeschränkt. Umso schwerer wiegt, dass mit der
starken Fokussierung auf Investitionen im Militärapparat andere entscheidende
Themen ins Hintertreffen geraten sind: Denn während sich der
Verteidigungshaushalt vervielfacht hat, blieben die schwerwiegenden sozialen
Probleme im Land in den letzten Jahren weitgehend bestehen.
Neues Abkommen mit den USA geplant
Ein Strategiewechsel der georgischen Führung ist allerdings
vorerst nicht in Sicht. Zwar sind die Verteidigungsausgaben im Budgetentwurf für
2009 geringer als im Vorjahr, doch wurde bereits ein weiterer Ausbau der
Militärkapazitäten angekündigt, um im Falle einer zukünftigen Konfrontation mit
Russland besser abzuschneiden. Dabei war bereits im Sommer 2008 abzusehen, dass
Tiflis bei einer direkten militärischen Auseinandersetzung mit Moskau den
Kürzeren ziehen würde. Der unbedachte georgische Vormarsch auf Südossetien hat
dazu beigetragen, dass einige Nato-Mitglieder einem Beitritt der ehemaligen
Sowjetrepublik zum Militärbündnis derzeit reserviert gegenüber stehen. Die
Vereinigten Staaten, einer der wichtigsten Fürsprecher Georgiens in der
nordatlantischen Allianz, scheinen Tiflis jedenfalls vorerst weiter unter die
Arme zu greifen: So autorisierte der US-Kongress im Oktober 50 Millionen
US-Dollar für „Sicherheits-Assistenz“ in Georgien für das kommende Finanzjahr.
Kurz vor dem Ende der zweiten Amtszeit von George W. Bush ist bereits ein
weiterer Coup geplant: Im Januar 2009 soll ein „Abkommen über eine Strategische
Partnerschaft“ zwischen der ehemaligen Sowjetrepublik und den Vereinigten
Staaten unterzeichnet werden, das Berichten zufolge auch eine Kooperation im
Sicherheits- und Verteidigungsbereich beinhalten wird. Am 19. Dezember hatte die
scheidende US-Außenministerin Condoleezza Rice bereits ein entsprechendes
Abkommen mit der Ukraine unterzeichnet.
01.01.2009 Eurasisches Magazin EM 01-09
***
Deutsche EU-Beobachter künftig auch vor Südossetien
im Einsatz
Die deutschen EU-Beobachter in Georgien
werden künftig auch in der spannungsreichen Pufferzone vor der abtrünnigen
Provinz Südossetien im Einsatz sein. Der Chef der EU-Beobachtermission (EUMM),
der deutsche Diplomat Hansjörg Haber, kündigte im Gespräch mit der
Nachrichtenagentur AFP an, die nationalen Kontingente ab Februar auf
verschiedene Standorte neu verteilen und stärker durchmischen zu wollen.
Haber zog eine positive Bilanz der
ersten drei Monate der Mission, kritisierte aber den mangelnden Willen der
russischen Seite zur Zusammenarbeit.
"Wir wollen die Deutschen auch an den
Standorten Gori, Chaschuri und Tiflis stationieren, die an Südossetien
angrenzen", sagte Haber. Bislang sind alle 25 deutschen Beobachter im
westgeorgischen Sugdidi im Einsatz und beteiligen sich an Patrouillen in der
Pufferzone vor der zweiten abtrünnigen georgischen Provinz Abchasien. Grund
für den Umbau der Mission sei die Spezialisierung der einzelnen Kontingente,
sagte Haber. "Die Skandinavier sind Experten im Bereich Menschenrechte, die
Franzosen haben die routiniertesten Polizisten. Wir brauchen aber an allen
Standorten die verschiedenen Qualitäten, sozusagen einen idealen Mix."
Der veränderte Einsatz birgt neue
Risiken für die deutschen Beobachter. "An der südossetischen
Verwaltungsgrenze sind die Spannungen größer, daher haben wir dort bereits
heute schon zwei Drittel der Beobachter stationiert", sagte Haber. Insgesamt
sei die Sicherheitslage in den ehemaligen Pufferzonen trotz einiger
"gefährlicher Situationen" für die EU-Beobachter aber besser als erwartet,
betonte der EUMM-Chef. "Dies liegt wohl auch daran, dass wir ein
Stabilitätsfaktor sind und ohne uns mehr passieren würde."
Die ersten drei Monate der
Beobachtermission sind nach Auffassung Habers gut verlaufen. "Wir mussten
nach dem EU-Ratsbeschluss im September innerhalb von zwei Wochen 200
Beobachter und das Gerät in Georgien stationieren. Das ist alles geglückt",
sagte Haber. "Wir haben am 1. Oktober unsere Arbeit aufgenommen, am 8.
Oktober sind die Russen aus den sogenannten Pufferzonen abgezogen." Dadurch
hätten auch 30.000 Menschen, die während des militärischen Konflikts
zwischen Russen und Georgiern Anfang August fliehen mussten, in ihre Häuser
zurückkehren können.
Haber beklagte allerdings, dass die
EU-Beobachter noch immer keinen Zugang zu Abchasien und Südossetien hätten,
obwohl ihr Mandat für ganz Georgien gelte.
Russland betrachtet nach der
Annerkennung Abchasien und Südossetien beide Länder als eigenständige
Gebiete und nicht mehr zu Georgien zugehörig. Folglich gilt das EUMM-Mandat
nicht in Abchasien und Südossetien.
Schwierig sei auch die Kommunikation mit
der russischen Armee, da oft klare Ansprechpartner fehlten. "Die
Zusammenarbeit mit Russland könnte in vielen Bereichen besser sein", sagte
Haber.
28.12.2008 Russland-Aktuell/Deutsche
Welle
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OSZE zieht ihre Beobachter aus Georgien ab
Wien/Tiflis (AFP) — Die Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zieht ihre Beobachter aus
Georgien ab. Zur Begründung verwies die finnische OSZE-Präsidentschaft in Wien
auf die Weigerung Russlands, das Mandat für die Beobachter über dieses Jahr
hinaus zu verlängern. Die OSZE bemühte sich in den vergangenen Monaten,
Gespräche zwischen Vertretern Russlands und Georgiens zu vermitteln. Tiflis warf
der russischen Regierung in Moskau vor, mit ihrer Blockadehaltung russische
"Kriegsverbrechen" kaschieren zu wollen.
Nach Angaben des finnischen Botschafters bei der
OSZE, Antti Turnen, scheiterte die Verlängerung des am 31. Dezember auslaufenden
Mandats der Beobachtermission an der Forderung Russlands, die Unabhängigkeit der
von Georgien abtrünnigen Region Südossetien anzuerkennen. Der amtierende
OSZE-Vorsitzende und finnische Außenminister Alexander Stubb hatte erst vor
wenigen Tagen an die 56 Mitgliedsstaaten appelliert, die Beobachtermission um
drei Monate zu verlängern. Russland hat als einziges OSZE-Mitglied die
abtrünnigen Provinzen Südossetien und Abchasien anerkannt.
Abchasien und Südossetien hatten sich Anfang der
90er Jahre von Georgien abgespalten. Die russische Armee war Anfang August in
die Gebiete einmarschiert und hatte eine georgische Militäroffensive
zurückgeschlagen, mit der die Führung in Tiflis Südossetien wieder unter ihre
Kontrolle bringen wollte. Beide Seiten stimmten schließlich einem von der
Europäischen Union vermittelten Waffenstillstand zu. Die OSZE entsandte rund 200
Beobachter in die Region, um den Waffenstillstand zu überwachen. Die Lage bleibt
gespannt, zumal Russland weiterhin 7600 Soldaten in Südossetien und Abchasien
stationiert hat.
Der georgische Minister für Wiedereingliederung,
Temur Jakobaschwili, sagte der Nachrichtenagentur AFP, Moskau wehre sich gegen
OSZE-Beobachter in Südossetien, weil die russische Armee dort "Kriegsverbrechen"
verübe, "einschließlich der ethnischen Säuberung der georgischen Bevölkerung".
Der georgische Präsident Michail Saakaschwili
sagte unterdessen, seine Regierung verhandele mit den USA über eine
"strategische Partnerschaft". Die beiderseitigen Beziehungen bewegten sich auf
eine "vollständig neue Stufe" zu, fügte der Staatschef im georgischen Fernsehen
hinzu. Der stellvertretende georgische Außenminister Giga Bokeria sagte AFP,
vorgesehen sei ein Abkommen, das die Bereiche Sicherheit, Verteidigung,
Wirtschaft und demokratische Entwicklung umfasse. Das Abkommen dürfte zu
zusätzlichen Spannungen zwischen Russland und den USA führen.
22.12.2008 AFP
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Georgien: Nächtliche Schüsse und viele Gespräche

EU-Beobachter
an einem russischen Checkpoint
EU-Beobachter sollen nach dem Krieg um die
abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien zur Stabilisierung und
Vertrauensbildung beitragen. Der Missionsleiter in Georgien, Hansjörg Haber,
berichtet von seiner Arbeit.
Seit dem 1. Oktober sind 225 Beobachter der
Europäischen Union in Georgien im Einsatz. Aber in Südossetien und Abchasien
können sie sich nicht bewegen. Die Grenzen zu den beiden Provinzen, die sich für
unabhängig erklärt haben, sind für die Beobachter dicht, obwohl sie zu Georgien
gehören. "Nein, wir dürfen nicht rüber, weil uns die Osseten beziehungsweise die
Russen daran hindern", sagt der deutsche Diplomat Hansjörg Haber, der die
EU-Mission von Tiflis aus leitet. Eigentlich ist ganz Georgien das Einsatzgebiet
der unbewaffneten EU-Beobachter. Doch die russischen Truppen halten die Grenzen
zu den beiden von ihnen kontrollierten Provinzen für die EU-Mitarbeiter
geschlossen.
Politik des An-die-Tür-Klopfens
Hansjörg
Haber leitet die EU-Mission in Georgien
"Wir fahren immer wieder an die Checkpoints ran
und sagen: ‚Wir haben das Recht’ - und lassen uns abweisen. Wir nennen das die ‚Politik-des-an-die-Tür-Klopfens‘.
So machen wir deutlich, dass unser Mandat für ganz Georgien gilt, auch wenn wir
es im Augenblick nicht umsetzen können", erläutert Haber im Gespräch mit der
Deutschen Welle. Die größten Spannungen gibt es dem Leiter der EU-Mission
zufolge in der Nähe der Grenzen: "Insbesondere die letzten hundert Meter sind
problematisch. Es fallen nachts Schüsse, durch die zwar nie jemand getötet oder
verletzt wird, die aber doch die Zivilbevölkerung einschüchtern. Es kommen Leute
über die Grenze, die schreien oder johlen."
Staatliche Hilfen für Flüchtlinge fehlen
Die Bilder von den im Krieg zerstörten Häusern
gingen um die Welt. Zwar sind die meisten Flüchtlinge zurückgekehrt, aber der
Wiederaufbau kommt nach Habers Einschätzung in der Nähe der Grenzen nicht
richtig voran – es fehlen staatliche Hilfen: "Die Georgier konzentrieren sich
zurzeit mehr auf die Flüchtlinge aus Ossetien und Abchasien, die nicht mehr
zurück können. Für sie bauen sie Siedlungen. Aber die Bevölkerung in
unmittelbarer Grenznähe hat auch Probleme. Sie wird eingeschüchtert durch diese
Schießereien. Es gibt Menschen, die deshalb in die Städte, nach Tiflis oder nach
Gori, gehen."
Misstrauen auf beiden Seiten sitzt tief
In ihren täglich etwa 20 Patrouillen machen sich
die EU-Beobachter ein Bild von der Lage. Dabei stellen sie immer wieder fest,
dass das Misstrauen zwischen den Konfliktparteien tief sitzt. "Wenn es zu
irgendeinem Zwischenfall auf einer der beiden Seiten der Grenze kommt, dann gibt
es sofort Beschuldigungen an die andere Seite, quasi als Reflex. Wir wollen,
dass alle Seiten an einem Tisch sitzen und dadurch gezwungen werden, objektive
Tatsachen auf den Tisch zu legen, die auch für uns glaubwürdig erscheinen", so
Haber. Es sei schwierig, aber dringend notwendig, die Polizei-Behörden beider
Seiten zur Zusammenarbeit zu bewegen, sagt der Leiter der Mission.
EU hofft auf Stabilisierung der Lage
Und wie reagiert die Zivilbevölkerung auf die Beobachter?
"Abwartend freundlich", sagt Haber und fügt hinzu: "Die Zivilbevölkerung hat
jahrelang nur bewaffnete irreguläre Kämpfer gesehen. Ich glaube, es ist für sie
schon ein erfreulicher Anblick, unbewaffnete zivile Beobachter zu Gesicht zu
bekommen. Aber natürlich will die Zivilbevölkerung Ergebnisse sehen. Das
Ergebnis ist in erster Linie eine konsolidierte Sicherheitslage in den Gegenden,
die direkt an den administrativen Grenzen liegen." Bis zum nächsten September
läuft das Mandat der EU-Beobachter. Bis dahin, so hofft Hansjörg Haber, könnte
sich die Lage so weit stabilisiert haben, dass eine Verlängerung nicht notwendig
wäre.
18.12.2008
DW-World
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Zug Richtung Konfrontation
USA: Einflußreicher Senator John Kerry stellt sich
demonstrativ gegen Rußland
Rainer Rupp,
Washington dürfe nicht auf Kosten Georgiens
seine Beziehungen zu Rußland verbessern. Das erklärte Senator John Kerry am
Wochenende nach einem mehrtägigen Aufenthalt in der Kaukasus-Republik, wo er
mit dem von Moskau als Kriegsverbrecher steckbrieflich gesuchten georgischen
Präsidenten Michail Saakaschwili eigenen Angaben zufolge »die politische Lage
im Land und die georgisch-amerikanische Kooperation« besprochen hatte. Die
Aufforderung des vor vier Jahren bei den US-Präsidentschaftswahlen als
Kandidat der Demokraten gegen George W. Bush durchgefallenen Senators aus dem
US-Bundesstaat Massachusetts hat Gewicht, denn bereits im Januar wird er im
Rahmen der Amtsübernahme des neuen Kongresses im US-Senat den Vorsitz des
einflußreichen Außenpolitischen Ausschusses übernehmen, ohne dessen Zustimmung
kein wichtiges Abkommen mit einem anderen Land umgesetzt werden kann.
Zugleich setzte sich Kerry in der georgischen
Hauptstadt Tbilissi dafür ein, daß die »Integrität Georgiens als ein souveränes
Land aufrechterhalten und respektiert« werden müßte, ein Euphemismus für die
Forderung, die nach dem militärischen Überfall durch die georgische Armee von
Rußland ausgesprochene Anerkennung von Südossetien und Abchasien wieder
rückgängig zu machen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, stellte sich
der demokratische Senator ostentativ hinter die Unterstützung, die Georgien von
der scheidenden, republikanischen Bush-Administration zuteil geworden ist. Das
geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem der Kreml seine Hoffnungen auf eine
Verbesserung der Beziehungen auf den neu gewählten Präsidenten Barack Obama
setzt. Eine Illusion, denn die Wahl Obamas für die beiden außenpolitischen
Schlüsselpositionen, Hillary Clinton als Außenministerin und Robert Gates als
Verteidigungsminister, garantiert eine Fortführung der US-Konfrontationspolitik
gegen Rußland.
Hier sei daran erinnert, daß die Initiative zur
NATO-Expansion von Präsident William Clinton ausging. Während die Politik der
Bush-Senior-Administration noch von Rücksicht auf russische Interessen geprägt
war, verfolgte die Clinton-Administration ab 1994 eine schnelle Ausweitung des
Bündnisses bis an die Grenzen Rußlands. Diese Politik wurde dann von Bush-Junior
weiter verfolgt. Und in der Obama-Administration sind die wichtigsten
außenpolitischen Positionen nun erneut von Politikern aus dem Clinton-Kreis
besetzt, die für die Kontinuität der konfrontativen US-Rußland-Politik bürgen.
Damit setzen die Amerikaner die über Jahrzehnte mit Rußland und zuvor mit der
Sowjetunion erarbeitete europäische Sicherheitsarchitektur wie den KSZE- oder
den START-1-Vertrag aufs Spiel. Diese Politik trifft auch den Sicherheitsnerv
der Europäer, voran Deutschland und Frankreich. Deshalb hat der französische
Präsident Nicolas Sarkozy unlängst den Vorschlag seines russischen Amtskollegen
Dmitri Medwedew für eine »neue Sicherheitsarchitektur« in Europa unterstützt –
ein Gegengewicht zu den US-Raketen- und Expansionsplänen der NATO.
Die Westeuropäer wollen nicht nur diese alten
Sicherheitsstrukturen erhalten sondern sie ziehen es offensichtlich auch vor,
die Beziehungen zu Moskau zu verbessern. Damit stehen sich die Interessen der
wichtigsten westlichen Akteure diametral gegenüber wodurch eines der großen
außenpolitischen Ziele Obamas, nämlich die verstärkte Konsultation mit den
wichtigsten Verbündeten und deren Einbindung in die US-Politik, konterkariert
wird.
16.12.2008 Junge Welt
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Der
Kaukasuskonflikt - Ursachen und Hintergründe
Von Sabine Kaufmann
Wieder Krieg im Kaukasus: In der
Nacht zum 8. August 2008 eskalieren die Kampfhandlungen zwischen Georgien
und den beiden Provinzen Abchasien und Südossetien. Zu ersten Scharmützeln
im Grenzgebiet der Regionen kommt es bereits im Juli 2008. Als Reaktion auf
die georgische Offensive dringen russische Truppen aus dem Nordkaukasus vor
und kommen erst im georgischen Kernland zum Stehen. Viele Ursachen und
Gründe des Kaukasuskonflikts sind in der Geschichte der Völker zu suchen.
Umsiedlungspolitik mit verheerenden
Folgen
Die Osseten sind im
Unterschied zu den Georgiern kein südkaukasisches Volk. Beide Ethnien sind nicht
miteinander verwandt. Die Osseten gelten als Nachkommen nordostiranischer
Stämme. Bereits im 19. Jahrhundert wurde Südossetien von georgischen Machthabern
regiert, während der nördliche Teil unter russischem Einfluss stand. Nach dem
Zusammenbruch des zaristischen Reiches schien das Schicksal des ossetischen
Volkes besiegelt. Mit der Unabhängigkeitserklärung Georgiens 1918 wurde Ossetien
aufgeteilt, der nördliche Teil kam zu Russland, der südliche Teil wurde Georgien
zugeschlagen.
Mit der Entstehung der Sowjetunion wurde
Südossetien ab 1922 ein autonomes Gebiet innerhalb der georgischen
Sowjetrepublik. Die politische Entwicklung in Abchasien verlief ähnlich wie die
ossetische Geschichte. 1921 war Abchasien noch eine unabhängige sozialistische
Republik innerhalb der Sowjetmacht. Erst in den dreißiger Jahren (1931) wurde
Abchasien als autonomes Gebiet innerhalb der Sowjetrepublik Georgien
zurückgestuft. Verheerende Folgen für die Region - mit Auswirkungen bis heute -
hatte Stalins Politik der Umsiedlungen. Um den Kaukasus zwangsweise zu
befrieden, durchmischte er die Völker im Kaukasus. 100.000 Georgier mussten nach
Abchasien ziehen, abchasische Ortschaften wurden umbenannt und Familiennamen
georgisiert.
Wirtschaftlich ging es in Abchasien nach dem
Zweiten Weltkrieg bergauf. Die Städte am Schwarzen Meer blühten auf. Abchasien
wurde zu einem wichtigen Tourismusgebiet für viele Bürger der Sowjetunion. Im
Gegensatz dazu Südossetien: Die Bergregion blieb gegenüber dem georgischen
Kernland wirtschaftlich stark benachteiligt. Die Menschen lebten vielfach vom
Schmuggel.
Der Kaukasuskonflikt ab 1990
Der Zusammenbruch der Sowjetunion bringt Bewegung
in den Kaukasus. Bereits 1990 erklärt sich Südossetien für unabhängig.
Zeitgleich halten die Südosseten Wahlen zu einem eigenen Parlament ab. Die
nationalen Töne unter dem georgischen Präsidenten Gamsachuria verschärfen den
Konflikt zwischen Südosseten und Georgiern. Die beiden Seiten provozieren sich
gegenseitig, es kommt zu Schusswechseln und Georgien rückt militärisch in
Südossetien ein. In der Provinz Abchasien verlief die Situation ähnlich.
Georgische Truppen marschierten 1992 in Abchasien ein und entmachten das
Parlament. Die Abchasen konnten die Georgier jedoch zurücktreiben und erklärten
sich 1993 für unabhängig.
Unterstützt wurden die beiden Provinzen
Südossetien und Abchasien vom großen russischen Nachbarn. Die verheerende Folge
aus dem ersten bewaffneten Kaukasuskonflikt: Insgesamt eine Viertelmillion
Georgier mussten sowohl aus Südossetien als auch aus Abchasien fliehen. Im
georgischen Kernland konnten die Flüchtlinge nur schlecht Fuß fassen, sie sind
von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Lange Zeit ging man davon aus, dass
die georgischen Flüchtlinge wieder in ihre Heimat innerhalb der beiden
separatistischen Provinzen zurückkehren würden.
Positionen der Weltmächte
Nach den bewaffneten Auseinandersetzungen im
August 2008 ist die Situation zwischen den Kriegsteilnehmern festgefahren. Die
Abchasen und Südosseten sind voll Hass und Bitterkeit gegenüber den Georgiern.
Die Option, sich wieder an Georgien anzuschließen, ist für die beiden Völker
undenkbar. Georgien dagegen will Abchasien und Südossetien unter keinen
Umständen in die Unabhängigkeit entlassen, eine Abtrennung der beiden Provinzen
vom Kernland würde Georgien territorial zu sehr beschneiden.
Russland hat die besetzten georgischen Gebiete im
Laufe des Herbstes geräumt, es tritt jedoch als Schutzmacht der beiden Provinzen
auf und hat ihre staatliche Unabhängigkeit anerkannt. Aber auch weltpolitisches
Kalkül darf in dem Konflikt nicht unterschätzt werden. Moskau will die
NATO-Mitgliedschaft Georgiens, durch die sich Russland bedroht fühlt,
verhindern. Doch solange Georgien um die beiden Provinzen kämpft, ist seine
Aufnahme in die NATO (North Atlantic Treaty Organization) in weite Ferne
gerückt. International hat es viel Kritik an dem russischen Vorgehen gegeben.
Außerdem steht Russland vor dem Dilemma, durch die Anerkennung von Abchasien und
Südossetien konsequenterweise auch die Unabhängigkeit anderer Kaukasusrepubliken
wie Tschetschenien akzeptieren zu müssen.
Für die USA ist Georgien geostrategisch ein
wichtiges Land, nahe zu den eigenen Konfliktherden in Iran und Irak, was die
US-amerikanische Unterstützung für Georgien erklärt. Außerdem ist Georgien ein
wichtiges Transitland für Ölpipelines aus Aserbeidschan und Kasachstan. Durch
Öllieferungen aus diesen Ländern wären die USA weniger abhängig von arabischem
Öl. Eine friedliche Lösung des Konflikts steht vorerst noch in den Sternen.
15.12.2008 planet wissen
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